Heimatgeschichtliche Beiträge (3)
Stand: 12. Juni 2006 - «Home»

Stadt Tharandt

Das Feuerlöschwesen in Tharandt mit seinen Ortsteilen
- André Kaiser, Kurort Hartha -

Das historische Spritzenhaus am Schlossteich in Grillenburg beherbergte einst eine der drei Grillenburger Feuerwehren. Im Jahre 1803 schaffte die 1780 gegründete Gemeinde ihre erste Feuerspritze für die Pflichtfeuerwehr an, die im Jagdhaus untergestellt wurde und dort 1806 ihr erstes Spritzenhaus erhielt. Ab dem Jahre 1837 standen auch der Revierförsterei Grillenburg (heute Gästehaus, Seerenteichstr. 13) und ab 1843 der Chausseegeld-Einnahme (heute Wohnhaus, Hauptstr. 14) aufgrund der unterschiedlichen Zuständigkeiten je eine eigene Handdruckspritze zur Verfügung. Grillenburg dürfte damit eine feuerwehrgeschichtliche Einmaligkeit zumindest im Weißeritzkreis darstellen, denn der Ort hatte damals nur 79 Einwohner und drei Feuerwehren. Das restaurierte Spritzenhaus der Gemeindefeuerwehr entstand 1852 und dient heute als Lager für den Pächter des Gondelbetriebes auf dem Schlossteich. Die historische Inschrift "Feuerwehr zu Grüllenburgk. 1852." erinnert daran, dass der Ort erst seit 1895 amtlich Grillenburg heißt. Die Technik der auch nach der Gemeindegebietsreform mit sieben aktive Kameraden weiter bestehenden Kommandostelle der FFW Grillenburg ist heute in einem Anbau des ehemaligen Schulhauses von 1877 (Gasthaus "Zur Alten Schule") untergebracht.

Die Ortschronik von Reinhold Kaiser (1890-1987) aus Fördergersdorf berichtet: 1769 Anschaffung einer Handdruckspritze und Bau eines Spritzenhauses, 1784 Neubau des Spritzenhauses. Davon kündete einst auch ein Spruch auf dem historischen Schlussstein am alten Spritzenhaus, der jetzt auf einer Gedenktafel zu lesen ist: "Ich dien einen jeden Hertzlich gern in Feuers Noth nah oder Fern. Ach wolte Gott ich häde Ruh, und damit nichts zu thun. Anno 1769 bin ich von der Gemeinde angeschafft und 1784 überbauet worden. Johann Gottlieb Wustlich Zimmer Meister alhier."

1906 entstand ein neues Spritzenhaus am Dorfplatz. Bis zum Jahre 1939 bestand im Ort eine Pflichtfeuerwehr, in der alle arbeitsfähigen Männer mitwirken mussten. Danach wurde die FFW gegründet. 1946 bekam die Wehr ihre erste Motorspritze und seit 1967 ist die heutige Technik mit dem Löschfahrzeug KLF-TS 8 B 1000 im Einsatz. Das jetzige Depot wurde 1968 als Geräte- und Gemeindehaus am historischen Standort der alten Spritzenhäuser neu errichtet und 1999 umfassend erneuert. Nach den Gemeindegebietsreformen von 1973 und 1999 besteht die FFW Fördergersdorf bis heute als aktive Ortsteilfeuerwehr, die auch den Mittelpunkt des kulturellen Lebens im Ort mit zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen bildet.

Am 10. März 1876 erfolgte die Gründung der FFW Tharandt mit 39 Gründungsmitgliedern. Schon ab 1862 wurden die Wagenremisen des ehem. Posthofes Tharandt hinter dem heutigen Ärztehaus von der Feuerwehr genutzt. 1884-30 war eine Handdruckspritze mit Pferdebespannung im Einsatz. 1923 erfolgte mit der Eingemeindung von Großopitz die Eingliederung der dortigen Feuerwehr. 1930-46 war die erste Motorspritze mit Fahrzeug in Tharandt als Spende des Kaufmanns Tappert im Einsatz. 1977-83 errichtete die FFW das heutige Gerätehaus anstelle eines Seitengebäudes vom ehem. Posthof. 1991 konnte in Tharandt ein Tanklöschfahrzeug von der FFW der Partnerstadt Blaubeuren übernommen werden. Ein Gerätewagen und ein VK-Transporter als Vorausfahrzeug gehören noch zur Ausrüstung der FFW. 1953-81 bestand ein Spielmannszug der FFW in Tharandt und seit 1975 betreut die Tharandter FFW den Meiler im Breiten Grund.

Am 25. Juli 1926 erfolgte die Gründung der FFW Hintergersdorf mit 37 aktiven Mitgliedern. Am 1. Oktober 1926 trat die Vereinigung von Hartha mit Spechtshausen und Hintergersdorf zur Gemeinde Hartha-Hintergersdorf in Kraft. 1927 wurde der Zusammenschluss der FFW Hintergersdorf und der Pflichtfeuerwehr Hartha zur FFW Hartha-Hintergersdorf mit nun insgesamt 45 aktiven Kameraden vollzogen. Mit Hilfe einer Stiftung der Wasserrechtsinhaber der Lindenhofquelle wurden 1932 die Handdruckspritzen durch eine Tragkraft-Motorspritze mit Schlauchtransportanhänger abgelöst. 1933 wurde Hartha-Hintergersdorf in Kurort Hartha umbenannt. Zur Nachkriegstechnik zählten u.a. 1945-54 ein französisches Halbkettenfahrzeug und 1956-69 ein umgebauter Lkw "Steyr" in der Tropenausführung der Wehrmacht. Die FFW bezog nach dem Abbruch des Spritzenhauses Hintergersdorf ein neues Depot in den Räumen des jetzigen Bauhofes an der Erbgerichtsgasse. 1973 erfolgte die Eingemeindung der Orte Grillenburg, Spechtshausen und Fördergersdorf bei Erhaltung der vorhandenen Kommandostelle in Grillenburg und der 1940 gegründeten FFW Fördergersdorf. 1988 wurde das derzeit eingesetzte Löschfahrzeug in Dienst gestellt und das neue Gerätehaus im Erbgerichtshof eingeweiht. 1993 konnten zusätzlich ein Tanklöschfahrzeug aus dem Edelstahlwerk Freital und ein Spezialfahrzeug für die Kommandostelle in Kurort Hartha angeschafft werden.

1999 vereinigten sich Kurort Hartha, Pohrsdorf und Tharandt zur Stadt Tharandt bei Erhaltung der dortigen Ortsfeuerwehren und Kommandostellen im Rahmen der Stadtfeuerwehr Tharandt.

Die Frauengruppen sind ein fester Bestandteil der FFW. 1909 erschien erstmals eine "Amazonenfeuerwehr" in Tharandt, der vor allem Frauen der Feuerwehrleute angehörten. 1968-90 war die Brandschutzgruppe in Tharandt und ebenfalls bis zur Wende war die Brandschutzkommission in Kurort Hartha aktiv, die vor allem aus den Frauen in der FFW bestand. 1995 wurde in Tharandt die Jugendfeuerwehr neu gegründet und 1998 begann der Aufbau einer neuen Jugendfeuerwehr in Kurort Hartha (bis zur Wende: AG "Junge Brandschutzhelfer"). Neben Lösch-, Unfall- und Unwettereinsätzen betreuen die Mitglieder der FFW Kurort Hartha und Tharandt mit Festzelt und Gulaschkanone sowie Ordnungsgruppen zur Verkehrsregelung auch zahlreiche örtliche und regionale Feste - Höhepunkte sind das Meilerfest und das Harthebergfest.

800 Jahre Tharandt
- Falk Schlegel, Tharandt -

Wann feiert denn nun Tharandt sein 800-jähriges Bestehen – 2006 oder 2016 – wurde ich in der letzten Zeit des öfteren gefragt. Auch sollen schon Wetten auf das "richtige" Jahr abgeschlossen worden sein. Nun ist das mit dem Alter so eine Sache – bei uns Menschen meist recht zweifelsfrei mit einem Blick in die Geburtsurkunde festzustellen. Mit einem Haus, einem Baum, einem Ort wird es dann schon etwas schwieriger. 1956 wurde doch aber das 750-jährige Jubiläum begangen, da ist es doch folgerichtig, dass wir 2006 das 800-ste feiern?! – so lauten die meisten Argumentationen.

Die Urkunde Markgraf Dietrichs („des Bedrängten“) vom 31.03.1206, die dazu als Beweis angeführt wird, nennt ein „Thorun“. Das klingt fast wie „Tharandt“, ist es aber leider nicht. Bei dieser Urkunde haben wir das Glück, dass einem Ortsnamen auch ein geografischer Bezug gegeben wird. Der Burggraf von Dohna wird bezichtigt, seine Burg Thorun widerrechtlich auf bischöfliches Territorium gebaut zu haben. Zu diesem Zwecke wird das Gebiet beschrieben: „...daß alles umschlossene Land von der Quelle des kleinen Baches Zuchewidre an bis zu seinem Ende, seiner Mündung in den Fluß Weißeritz und von da bis zu deren Ende, der Mündung der Weißeritz in die Elbe der Meißner Kirche gehört.“ Der Bach Zuchewidre ist der Zauckeroder Bach Wiederitz. Somit wird ein Territorium beschrieben, in dem mit Sicherheit unsere Burg nicht liegt. Wenn man die genannte Übersetzung von Zuchewidre anzweifelt und dafür den Schloitzbach nimmt, so liegt die Burg immer noch außerhalb ... Die ernst zu nehmende Forschung hat sich seit längerem darauf verständigt, dass Thorun mit dem Pesterwitzer Burgwartsberg gleichzusetzen ist. In der Urkunde wird verfügt, dass Thorun zu schleifen ist. Wenn damit Tharandt gemeint worden wäre, das ja bis in heutige Tage existiert, wäre das für die damalige Zeit nicht ganz logisch gewesen. Man vergeudet kein Baumaterial und Arbeitsleistung, indem man eine Anlage abreißt, um sie kurze Zeit danach wieder an gleicher Stelle neu zu errichten. Die Burg wäre erobert oder übernommen und sofort weitergenutzt und ausgebaut worden, hätte sie territorialpolitischen Ansprüchen des Markgrafen oder des Bischofs genügt.

Die nächste Urkunde mit Tharandt-Bezug, die sich erhalten hat, ist diejenige vom 21.01.1216, in der ein Boriwo de Tarant als Zeuge genannt wird, der dann in den folgenden Jahren mehrfach in Urkunden wieder auftaucht. Und dies ist nun die erste Nennung unseres Ortes, bzw. einer Person, die mit ihrem Namen auf den Ort unserer Burg hinweist. In letzter Zeit hat zwar ein hochspekulativer Artikel von Reinhard Speer versucht, diesen Ort Tharandt nach Grillenburg zu verlegen – die Diskussion dazu wird aber noch an anderer Stelle zu führen sein. Eine etymologische Verknüpfung von Thorun und Tharandt ist hier auch nicht zielführend – sicher kann es da Zusammenhänge geben, sie erklärt aber nicht die konkrete historische Situation.

Also: in Ermangelung anderer schriftlicher historischer Quellen feiern wir erst 2016 das 800-jährige Jubiläum der Ersterwähnung Tharandts. 1956 war halt der Wissensstand noch nicht so weit bzw. wollte man 11 Jahre nach Kriegsende endlich mal was feiern ...

Nichtsdestotrotz gibt es noch andere Jubiläen, die eher auf uns kommen. So feiern wir 2009 400 Jahre Tharandter (Granatener) Stadtrecht und am 1. Februar 2010 ist der 500-ste Todestag der Herzogin Sidonie, die auf der Burg starb. 2010 hoffe ich auch noch 100 Jahre Mittelschule feiern zu können, womit wir nun im Diesseits angelangt sind.

 

Zwei Mordtaten und ein Kreuz - Steinkreuze im Tharandter Wald
- André Kaiser, Kurort Hartha -

Im Tharandter Wald findet man drei Steinkreuze, die als Bodendenkmale vom Archäologischen Landesamt in Dresden betreut werden. Das unscheinbarste Steinkreuz steht mitten im sogenannten "Herrnbusch", dem nordwestlichen Ausläufer des Tharandter Waldes, der früher zum Rittergut Naundorf gehörte, abseits von allen Wegen, unweit von "Fischers Wiese". Es trägt keine Inschriften und soll der Sage nach zur Sühne der Ermordung einer Magd oder eines Waldarbeiters gesetzt worden sein. Das "Auermanns Kreuz" aus dem Jahre 1492 befindet sich an der "Alten Neun" südwestlich von Grillenburg, unweit der Kreuzung "Quirl" (B-Flügel, U-/Colmnitzer Weg, Schneise 18). Auf dem Kreuz sind ein Wagenrad sowie ein Hammer und ein Keil eingemeißelt. Somit könnte es an einen Unfall mit einem Fuhrwerk erinnern.

Günthers Kreuz" trägt eine Inschrift und steht südlich von Grillenburg, unweit des B-Flügels und der Schneise 14, in der Nähe des alten "Floßkanales" (Kroatenwasser - Seerenbach). Mit diesem Steinkreuz werden gleich zwei Mordfälle verbunden. Der Landesdenkmalpfleger Dr. Bachmann schilderte 1936 dazu folgenden Fall: Im Jahre 1516 fand in Dresden ein Schied vor Gericht statt, wonach der Sohn des Tharandter Försters Fritzsch, ein gewisser Jakuff (Jakob) Fritzsch aus Naundorf, einen anderen jungen Mann aus diesem Ort, namens Gregor Günther, im Walde erschossen hatte. Der Täter mußte u. a. aus Sühne eine Wallfahrt nach Rom versprechen, ferner 50 Seelenmessen in 10 vigilien lesen lassen und sich schließlich zur Aufrichtung eines Steinkreuzes an der Stelle der Tat verpflichten.

In diesem Sinne deutete und ergänzte man damals die verwitterten Inschriftenfragmente des Kreuzes. "1512 AM TAGE EGIDII IST GR. GUENTHER VON JAC. FRITZSCH VON NAUNDORF EIDEM ALLHIER ERSCHOSSEN WORDEN DEM GOT GNADE PALTZER PIETZSCH VND HANS GVTKEES HABEN DIS CREVTZ MAL AVFGER." Der ehemalige Dorfhainer Pfarrer Dr. Petzold stellt im Zusammenhang mit diesem Kreuz 1984 einen anderen Fall dar: Georg Nietzschmann, Förster zum Hayn (Dorfhain), kaufte im Januar 1591 das hoch verschuldete und reparaturbedürftige Halbhufengut seines dienstentlassenen Amtsvorgängers, Günther Pietzsch, in Klein-Dorfhain, was ihm finanzielle Probleme bescherte. Im Januar 1592 heiratete er die Tochter von Günther Pietzsch und als Entgegenkommen für den Aufschub der Aussteuer, stundete Pietzsch dem Bräutigam einige fällige Kaufraten für den Hof. Um wieder zu Geld zu kommen, wollte nun Nietzschmann einen Schuppen des Hofes, den er selbst noch nicht bezahlt hatte, gegen den Willen des Schwiegervaters weiterverkaufen. Im Streit tötete er daraufhin seinen Schwiegervater, Günther Pietzsch, mit zwei Schüssen aus einem kurzen Rohr (Pistole). Nietzschmann gestand die Tat. Die Mordwaffe wurde durch den Landsknecht sichergestellt und der Amtsschösser zu Freiberg nahm den Täter am 15. September 1592 fest. An einen Wagen geschmiedet wurde er in die Fronfeste nach Dresden überführt und am 27. Oktober 1592 nach Urteil und Recht zu Dresden rücklings geschleift und auf dem Rabenstein (Galgenberg) geköpft.

Schon 1982 rekonstruierte auf dieser Basis Herr Adam vom Tharandter Burgen- und Geschichtsverein die Inschrift des Kreuzes. "1592 AM TAGE EGIDII (1. September) IST GVNTHER PITZSCH VONN SEINEM EIDEM (Schwiegersohn) ALLHIER ERSCHOSSEN WORDEN GOT GNADE BALTZER PIETZSCH UND HANS GVTKEES HABEN DIS CREVTZ MA(chen) LA(ssen)" Aufgrund der Lage von "Günthers Kreuz" kann man die zweite Darstellung unterstützen. Denn auch in den Waldkarten von Humelius (um 1558) und Oeder (um 1588) ist zwar das "Auermanns Kreuz" aber nicht das "Günthers Kreuz" verzeichnet. Außerdem kann es sich beim ersten Fall auch um das schon genannte Steinkreuz ohne Inschrift im "Herrnbusch" bei Naundorf handeln. Die Bezeichnung des Kreuzes, für die man wohl eher einen Familiennamen verwendet, deutet als einzigstes Indiz auf eine Beziehung des ersten Falles zum "Günthers.

 

Abschluss der Rekonstruktion der Villa "Heinrichs Eck" - 70. Todestag des kgl.-sächs. Kommerzienrates Dr. e. h. Heinrich Ernemann - Begründer der Dresdner Fotoindustrie
- André Kaiser, Kurort Hartha -

Am 26. Juli 1998 wurde mit einem "Tag der offenen Tür" die Rekonstruktion der Villa "Heinrichs Eck" abgeschlossen. Besitzer der 1900 errichteten Villa war Heinrich Ernemann aus Dresden. Er tauschte mit seiner Familie den Wohnsitz in der Stadtvilla in Dresden-Blasewitz jedes Jahr im Sommer mit dem "Landhaus" im damaligen Bad bzw. Luftkurort Hartha. Zum Grundstück gehörte auch ein Garten an der Ecke Bergstraße / Am Hartheberg, wo der hölzerne Ausstellungspavillon von der Weltausstellung in Paris aus dem Jahre 1900 Aufstellung fand. Das Haus blieb bis 1945 im Familienbesitz und diente der in Dresden ausgebombten Familie von Heinrich Ernemanns Sohn Alexander, der 1928 die Geschäfte des Vaters übernommen hatte, im Februar 1945 kurzzeitig als Zufluchtsort auf dem Weg nach Westdeutschland.

Nach der Enteignung gehörte das Wohnhaus zunächst der Gemeinde Kurort Hartha und diente zeitweise zum Teil auch als sogenanntes "Jugendhaus" für verschiedene Veranstaltungen. Anfang der 70-ger Jahre wurden die Holzgarage und die Galerie an der Nordwestecke des Hauses abgebrochen. 1975 genehmigten die Behörden den Abriß des Pavillons im Zuge des Grundstücksverkaufes. Die Renovierung der Villa im Jahre 1978 umfaßte neben einer Dachreparatur und einem neuen Anstrich auch den Abriß der baufälligen Freitreppen und des Tores vom ehemaligen Haupteingang sowie der Stützmauer an der Straße Am Hartheberg. Es entstand die jetzige verputzte Stützmauer aus Ziegelsteinen. Anfang der 80-ger Jahre erfolgte der Verkauf an die Deutsche Reichsbahn. 1997 erwarb Herr Frohmut V. Barsch die baufällige, vor allem durch ein ständig undichtes Dach stark beschädigte und nun denkmalgeschützte Jugendstilvilla aus dem Bundeseisenbahnvermögen und begann mit der aufwendigen Rekonstruktion. Vom Ergebnis konnte sich am "Tag der offenen Tür" neben zahlreichen Gästen auch die Enkelin von Heinrich Ernemann, Rosemarie Ernemann aus Filderstadt bei Stuttgart überzeugen. Besonders wertvoll ist die aufwendig restaurierte originale Innenausstattung mit Wand- und Deckengemälden, Parkett und Kachelöfen.

Heinrich Ernemann wurde am 28. Mai 1850 in Gernrode (Eichsfeld) geboren. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen, besuchte die einklassige Volksschule, ging anschließend auf Wanderschaft und erlernte in Stuttgart den Beruf eines Schlossers. 1873 besuchte er die Handelsschule in Pirna. Später betrieb er in Dresden eine "Posamenten-, Strumpf-, Westen- und Weißwarenhandlung". Am 26. September 1889 wurde er Teilhaber der Tischlerwerkstatt von Wilhelm Franz Matthias in Dresden. Die Tischlerei auf der Güterbahnhofstr. 10 wurde in einen kleinen Fotobetrieb umgewandelt. Der Bau und Nachbau von Kameras durch einen Meister und vier Gesellen in kleinen Serien bis zu 6 Stück begann.

Im April 1890 erfolgte der Umzug in ein größeres Gebäude auf der Kaulbachstr. 13 und es wurden "Großserien" mit 25 bis 100 Kameras im Manufakturbetrieb gefertigt. 1892 wurde mit einer Dampfmaschine und einem System von Werkzeugmaschinen industriell produziert. Aus der "Dresdner photographischen Apparate-Fabrik Ernemann und Matthias" entstand die "Ernemann AG". Es folgten die ersten eigenen Konstruktionen einer Magazinkamera und der Amateurkamera "Alex" sowie das erste Patent für ein periskopisches Objektiv. 1897 wurde das "Stammhaus" in der Schandauer Str. 48 in Dresden bezogen.

1899 gründete sich der "Verschönerungsverein Hartha mit Spechtshausen", in dem Ernemann u. a. als Sponsor wirkt ("Ernemann-Hütte" im Triebischtal). 1900 entstand die Villa "Heinrichs-Eck" in Bad Hartha (seit 1933 Kurort Hartha) und die "Ernemann AG" präsentierte sich erstmals auf der Weltausstellung in Paris. 1900 - 1903 wurde die Amateurschmalfilmkamera mit Projektor "Ernemann-Kino" von der "Ernemann AG" entwickelt. 1904 widmete Ernemann als Ehrenmitglied dem 1899 gegründeten Königlich Sächsischen Militärverein "Wettin" Hartha und Umgegend zur Fahnenweihe eine Fahnenschleife. Am 1. April 1908 wurde eine Professur und ein Institut für wissenschaftliche Photographie an der Technischen Hochschule Dresden auf Betreiben Heinrich Ernemanns im Auftrag von 13 Dresdner Fotounternehmen eingerichtet. 1909 kamen die Kinomaschine "Imperator" der "Ernemann AG" auf den Markt. 1912 verfügte die "Ernemann AG" über 825 Beschäftigte.

1913 waren 22 von 28 Pariser Kinos mit der Kinomaschine "Imperator" ausgestattet und die "Ernemann-Zeitlupe" des Jenaer Wissenschaftlers Dr. Lehmann erregte weltweit aufsehen. Heinrich Ernemann wurde 1913 der Titel "Königlich Sächsischer Kommerzienrat" verliehen. 1918 sprachen Rektor und Senat der Technischen Hochschule Dresden Heinrich Ernemann den Titel "Dr.-Ing. e. h." zu. 1921 verließ die eintausendste Kinomaschine "Imperator" das Werk. 1922-23 wurde der 48 Meter hohe "Ernemann-Turm" als Abschluß zahlreicher Betriebserweiterungen errichtet und die "Ernemann-Werke A.-G. Dresden" hatte 2.500 Beschäftigte. Stammbelegschaftsfördernde Maßnahmen waren vor allem "Betriebszugehörigkeitsprämien", "Gewinnbeteiligung", "Spar- und Unterstützungsverein" sowie "Verbesserungsprämien". Die "Heinrich Ernemann AG Dresden" ging 1926 in der "Zeiss-Ikon AG" auf. Am 16. Mai 1928 starb der Begründer der Dresdner Fotoindustrie Heinrich Ernemann. Er wurde in der Familiengrabstätte auf dem Tolkewitzer Johannisfriedhof beigesetzt.

 

Landhaus Villa "Harthaberg" bzw. "Anger" - Reichsbahnkurheim mit dem Charme von Versailles
- André Kaiser, Kurort Hartha -

Die imposante Villa "Anger" bzw. "Harthaberg" in Kurort Hartha ist zweifellos das größte und eindrucksvollste Bauwerk im Villenensemble aus der Zeit der Jahrhundertwende am Hartheberg. Sie entstand 1902, wie die Jahreszahl an der Supraporte über dem ehemaligen Haupteingang belegt, als Landsitz des Architekten Prof. Anger aus Dresden.

Alwin Louis Chrostoph Anger wurde am 29. November 1859 in Hamburg geboren und starb 1924 in Lindau-Hoyren am Bodensee. Er studierte an der Baugewerks- und Gewerbeschule in Hamburg und später an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Anschließend in Leipzig tätig, entwarf er gemeinsam mit den Architekten Polster und Höhne die Stadtbibliothek Bremen (1893) und das neue Rathaus Wuppertal - Elberfeld (1894). Seit 1894 bzw. 1901 war er an der Kunstgewerbeschule in Dresden als Professor für Schattenlehre, Perspektive und Architektur angestellt. Er leitete dort die Allgemeine Abteilung "Perspektive - Geometrie" und beschäftigte sich neben architektonischen Aufgaben vor allem mit Innendekoration und Kunstgewerbe. 1902 nahm er an der Deutsch-Nationalen Kunstausstellung in Düsseldorf mit mehreren Villenplänen und einem Entwurf für das Provinzial-Museum Hannover teil. Unter den ausgeführten Bauten werden besonders die Villa "Weigang" in der Bautzner Weigangstraße 1 und sein eigenes Landhaus Villa "Harthaberg" in Kurort Hartha, Am Hartheberg 23, hervorgehoben. Bekannt wurde Prof. Anger auch durch sein 1911 in Dresden erschienenes "Neues Lehrbuch der Perspektive", in dem er die Perspektive als "unstreitig die grundlegende und daher unentbehrlichste Wissenschaft für alle bildenden Künste" bezeichnet.

Bereits 1901 kaufte Prof. Anger das Harthaer Grundstück von dem Dresdner Karl Richard Fritzsche, der es 1899 vom königlich-sächsischen Privatfiskus (heute Staatswald) erworben hatte. Während das Äußere der hoch aufragenden, damaligen Villa "Anger" im Jugendstil gestaltet ist, findet man im Innern u. a. auch neogotische, neobarocke und maurische-tudorianische Stilelemente. Die Hauptattraktion war einst ohne Zweifel der heute nicht mehr in dieser Form erhaltene Speisesaal als verkleinerte Ausführung des Spiegelsaales, wie er im Schloß Versailles bei Paris zu sehen ist. 1921 wurde der Dresdner Großkaufmann Emil Wagner Besitzer der Villa, die in einem Ortsprospekt von 1924 nun als Villa "Harthaberg" bezeichnet wird. 1924 erfolgte auch der Weiterverkauf des Objektes an die Deutsche Reichsbahn. Aufgrund der Anerkennung und Auszeichnung Harthas als Luftkurort durch das vormals Kaiserliche Gesundheitsamt Berlin konnte diese 1926 in der Villa ein (Frauen-) Erholungsheim der Reichsbahn-Arbeiter-Pensionskasse III Dresden einrichten.

Der Erholungswert wurde 1928 mit klimatischen und hygienischen Vorzügen sowie dem milden, gleichmäßig angenehmen Klima, einer angenehmen Vereinigung zwischen Wald- und Gebirgsklima, und ausgeglichenen Witterungsverhältnissen begründet. Hauptkurmittel war die kräftige, durchsonnte, ozon- und terpentinreiche Luft, die Höhenlage sowie die wohltuende Ruhe des Kurortes. Empfohlen wurde der Kurort zur Anregung der Blutzirkulation und des Stoffwechsels, bei Schwäche und Reizzuständen jeglicher Art sowie zu Nachkuren nach Badekuren bzw. besonders geeignet für erfolgreiche Terrainkuren. Medizinische und Kurbäder verabreichte man im Kurhaus. Des weiteren luden der Kurpark sowie das Luft- und Sonnenbad am Hartheberg ein. Ende des II. Weltkrieges blieb Kurort Hartha Erholungsort.

Die Deutsche Reichsbahn richtete nach dem II. Weltkrieg in der Villa "Harthaberg" das Betriebsgenesungsheim "Otto Rehschuh" ein. Inventar und wertvolle Stuckdecken gingen leider nach und nach weitestgehend verloren. Lediglich bescheidene Stuckreste erinnerten bald nur noch an die einstige Pracht. 1964 wurde als Erweiterung ein Bettenhaus angebaut und das Heim bot dann 75 Kurpatienten Platz. Im ehemaligen Steinbruch am Hartheberg entstanden ein kleiner Sportplatz und eine Freiluft-Kegelbahn mit Gerätehaus. Das Gelände ist heute als Parkplatz ausgebaut. In den 70-ger Jahre fanden die Kurkonzerte des Ortes im Garten des Kurheimes statt. Noch vor der Wende konnten die Fassade und das Dach weitestgehend erneuert werden. Die dabei nicht wieder verwendeten originalen Dachbekrönungen wurden sichergestellt. 1990 übernahm das Bundeseisenbahnvermögen die Gesamtanlage, 1991 bis 1993 wurde das Gebäude noch als Pension genutzt, stand dann mehrere Jahre leer und verfiel zusehends.

Erst seit 1999 steht die Villa "Harthaberg" in der offiziellen Denkmalschutzliste des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen. Im Zuge der Entwicklung Kurort Harthas zum Kneipp-Kurort gibt es auch Zukunftsperspektiven für dieses historische Ensemble. Während die Villa nach dem Verkauf an den Architekten Dieter Meusel im Oktober 2001 wieder zu Wohnzwecken umgebaut wird, bleibt für das Bettenhaus von 1964 weiterhin die Perspektive einer Renaissance als Teil der sich etablierenden Kureinrichtungen. In den letzten zwei Jahren wurden die Gebäude und das Umfeld zunächst beräumt, das später angefügte Heizhaus abgerissen, die Grundmauern, das Dach und die Fassade saniert sowie nach dem Freilegen mit der Restaurierung der historischen Stuckdecken und Wandmalereien begonnen. Erfreulicher weise fanden sich unter Putz und Farbe noch beachtliche Reste der Originalausstattung und wertvolle Details konnten vor der Zerstörung gerettet werden. Auch die Außenanlagen und Teile der Innenausstattung lassen sich anhand von Unterlagen der Nachfahren von Prof. Anger, die noch heute am Bodensee leben, rekonstruieren. Einen Eindruck von der ursprünglichen Pracht der Innenräume kann man schon heute in der bereits sanierten Villa "Weigang" in Bautzen gewinnen, die 1902/03 ebenfalls nach Plänen von Prof. Anger mit einem ähnlichen Raumprogramm entstand.

Borsdorfer Äpfel - Deutsche Pomeranzen für die Gebirgsregion
- Roland Hanusch, Freital -

Zu Zeiten Luthers wirkte in Breitenbrunn in der St. Annaberger Inspektion der Pfarrer Wolfgang Uhle. Er schreib auf, was er erlebte. Wir können es nachlesen in dem Buch "Die wahrhaften Geschichten des Wolfgang Uhle, Pfarrer zu Breitenbrunn, von ihm selbst aufgezeichnet". Darin beschreibt er einen Garten, den er sich dort angelegt hatte: "Auch unterschiedliche Sträucher prangten da, Buchsbaum, so immergrün bleibet, Johannesbeerlein und türkische Weinbeer und endlich gar obsttragende Bäume - denn unsere Luft ist nicht so rauh wie verschrien, und es reifet allerlei Frucht, so man nur die richtigen Arten wählet. Ich ersah Schwarzkirschen und Weichseln, Borsdorffer Äpfel und Klosteräpfel, Honigbirne und Muskatellerbirn, blaue und grüne Pfläumchen und Quitten, daraus man ein kräftig Mus bereitet, denn frisch vom Ast mag sie keines genießen."

Nichts da mit Holzäppelgebirge! Die richtigen Arten muss man wählen! Die Borsdorfer Äpfel waren fürs Gebirge geeignet. Alfred Meiche greift in seinem Sachsen-Buch eine Notiz von 1550 auf, in der heißt es: "... denn in der Ebene will der Borsdorfer Apfel nicht gern wachsen, sondern lieber an hohen Orten, und wo es ein wenig gebirgig ist."

In "Peter Albinus Meißnischer Land- und Berg-Chronika" von 1589 wird ebenfalls mit darauf verwiesen: "Sonderlichen aber von den alten gemeinen Obsten sind für andern gerühmt die Borsdorfer äpfel so umb die Stadt Maysen und derselben gegend dem gebirge zu wachsen und dannen von dem Dorff Borsdorff in derselben refir namen haben. Welche wegen ihrer güte im Sprichwort die deudschen Pomerantzen genennet werden. Wozu sie sonderlich dienen, kann man von den Medicis erfahren, von welchen einesteils ich dies gehöret, daß wider die Melancholian gebraucht werden."

Bereits im 15. Jahrhundert sollen auf den Märkten in Freiberg und Meißen die Borsdorfer Äpfel zum Kauf angeboten worden sein.

1709 erschien in Hamburg ein Buch, darin steht: "In diesem herrlichen Meißen sind die Borsdorfer Äpfel gleichsam eine "Peculiare" (d.h. Besonderheit) desselben und von einem Dorf dieses Namens also genennet worden."

Borsdorf. Da gibt es ein Borsdorf bei Leipzig und ein Pohrsdorf am Tharandter Wald bei Wilsdruff bzw. Kurort Hartha. Für letzteres, 1350 erstmals erwähnt, gab es im Laufe der Geschichte 15 verschiedene Schreibweisen, früher ausnahmslos mit "B" bis schließlich die Behörden die jetzige Schreibweise "Pohrsdorf" anordneten. Jeder dieser beiden Orte spricht von seinen Borsdorfer Äpfeln.

August Schumann schreibt 1814 im "Staats-, Post- und Zeitungslexikon von Sachsen" über Borsdorf und seine Äpfel: "Dafür, daß es sich um Borsdorf bei Wilsdruff handelt, spricht das Gemeindesiegel des Ortes: Ein Apfelbaum mit Früchten. Der Genuß dieser 'deutschen Pomerantzen' wurde namentlich schwermütigen Personen empfohlen. Noch heute sind in der und jener Familie der dortigen Gegend Rezepte, von einem Arzt geschrieben, zu finden. Sie enthalten die Verordnung 'Muß Meißner Früchte essen'".

Das Gemeindesiegel mit dem Apfelbaum führt der Ort schon seit mehr als 200 Jahren. Der Ortschronist Arthur Schirmer schrieb: Alte Urkunden weisen darauf hin, dass die Alt-Pohrsdorfer mit viel Geschick und großem Erfolge sich des Obstbaues befleißigten. Der heimatliche Boden mochte wohl auch besonders für den Anbau geeignet sein. Chronisten fanden heraus, dass der berühmte Borsdorfer Apfel schon im 13. Jahrhundert in der Gegend um Tharandt und Wilsdruff gezüchtet wurde. Allgemein gelten die echten "Borsdorfer" als eine spätmittelalterliche Züchtung, die weite Verbreitung fand. Sie waren die ersten deutschen Winteräpfel! Bei normaler Witterung könne sie in der zweiten Septemberhälfte geerntet werden. Es sind herb-liebliche, recht wohlschmeckende, wenn auch kleinere bis mittelgroße Früchte. Noch der Brockhaus von 1939 bezeichnet sie als "eine sehr edle, wohlschmeckende, renettenartige Apfelsorte".

Von der einstigen Beliebtheit der Borsdorfer Äpfel zeugt ein "Nützliches Buch für die Küche bey Zubereitung der Speisen". Es wurde um 1800 von einem Dresdner Koch herausgegeben und enthielt an die 50 Apfelrezepte, von denen die meisten - wie Apfelschnee oder Apfelsülze - längst in Vergessenheit geraten sind. Interessant ist, dass der Herausgeber immer wieder die Verwendung von Borsdorfer Äpfeln empfahl, sie seien für eine Vielzahl von Speisen besonders gut geeignet. Ihre Beliebtheit zeigt sich auch darin, dass sie im 19. Jahrhundert in einem Weihnachtsgedicht genannt werden. 1880 erschien das "Deutsche Sprichwörter-Lexikon" von K.F.W. Wander mit den Zitaten "Aussehen wie ein Borsdorfer Apfel" und "ein Gesicht haben wie ein Borsdorfer Apfel". Dazu existiert noch folgender Ausspruch: "Borsdorfer Äpfel und Borsdorfer Mädchen werden nicht eher rot, bis man sie leget aufs Stroh", oft wurde es auch auf alle Mädchen verallgemeinert. Der deutsche Dichter Jean Paul (1763-1825) schrieb: "Unter den Menschen und Borsdorfer Äpfeln sind nicht die glatten die besten, sondern die rauhen mit einigen Warzen!"

Jetzt hört man derartige Redewendungen nur noch selten, und leider ist es auch so, dass der Borsdorfer Apfel bei gegenwärtig fast 1.500 Arten an Speiseäpfeln seit geraumer Zeit keine Bedeutung mehr für den Obstbau besitzt. Die Pohrsdorfer Einwohner aber sind stolz, dass ihre Vorfahren so berühmt gewordene Obstzüchter waren, und dass ihr Heimtdörfchen den Äpfeln den Namen gab. Doch in den letzten Jahren ging selbst in Pohrsdorf die Zahl der "Borsdorfer Apfelbäume" zurück. Die alte Sorte soll aber im Dorf wieder heimisch werden! Es gab einen Aufruf: Junge Apfelbäume sollen mit Reisern noch vorhandener Bäume veredelt werden und neue Bäume sollen gepflanzt werden. Einiges hat sich im Ort schon getan und es gibt schon Erfolge. Eine Hetzdorfer Baumschule zog 30 Exemplare heran. Eine zum Tharandter Forstbotanischen Garten gehörende Streuobstwiese wurde mit Borsdorfer Äpfeln bepflanzt.

Für die Pohrsdorfer Einwohner stammen Borsdorfer Äpfel selbstverständlich nur aus ihrem Ort! Sie fühlen sich ihren Vorfahren gegenüber verpflichtet und kümmern sich weiter um ihren "Borsdorfer Apfel". Vielleicht kommen eines Tages die Borsdorfer Äpfel auch wieder auf den Freiberger Markt oder gar wieder in die Gärten der Erzgebirger!
Dieser Artikel erschien in "Erzgebirgische Heimatblätter", Zeitschrift für Heimatfreunde 5/2004; der Nachdruck im Tharandter Amtsblatt erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Aus dem 19. Jahrhundert: "Christkindelsmarkt"

Herbey, Ihr Damen und Ihr Herren,
Hier giebts Rosinen, Mandelkern,
Nürnberger Pfefferkuchen;
Bisquit und guten Brandtwein,
Und Weihnachtsstollen, groß und klein,
Von besten Sorten Kuchen.

Hier Wälsche Nüsse, groß von Art,
Borsdorfer Aepfel, fein und zart,
Da müßt Ihr ja viel kaufen;
Es freut sich drauf des Kindes Sinn
und bringt damit den Abend hin,
statt draußen rum zu laufen.

In Tharandt war man lange im Bilde
- Heinz Fiedler, Freital (Quelle: "Sächsische Zeitung" Freital) -

Es wird die Nähe Dresdens gewesen sein, die der Fotoindustrie in unserer Gegend die Tore weit öffnet. Seit 1839 gilt Elbflorenz als eine Stadt des Kamerabaus. 60 Jahre später ist man auch in unserer Heimat im Bilde. Während man in Deuben, Döhlen und Potschappel zunächst die Entwicklung verschläft, machen sich beherzte Unternehmer in Rabenau und mehr noch in Tharandt für den neuen Industriezweig stark.

Mit der Jahrhundertwende tritt die Rabenauer Firma Alfred Brückner mit Atelierkameras an die Öffentlichkeit. Monströse Modelle, die weite Verbreitung finden. In der Forststadt gründet Ferdinand Merkel eine Firma zur Herstellung fotografischer Apparate. Die Produktionsstätte am Opitzer Weg gelangt bald zu Ansehen.

Merkel, selbst ein tüchtiger Fachmann, lässt zunächst Plattenkameras anfertigen. In den zwanziger und dreißiger Jahren prägen Boxkameras und zweiäugige Spiegelreflexkameras die Produktion. Die "Reflecta", Prototyp einer leistungsstarken, zweiäugigen Spiegelreflexkamera, geht auf ein Modell des Tharandter Unternehmens aus dem Jahre 1931 zurück.

Höhen und Tiefen: Woldemar Beier, ab 1923 erfolgreicher Unternehmer in Freital, erhält am Opitzer Weg eine fundierte Ausbildung als Feinmechaniker. Als er sich 1913 von Merkel verabschiedet, hat er den Meisterbrief in der Tasche. Otto Werner, Begründer einer Verschlussfabrik, beendet 1911 mit Bestnoten eine dreijährige Lehre. Die allgemeine wirtschaftliche Flaute geht an dem Tharandter Unternehmen nicht spurlos vorbei. Absatzschwierigkeiten führen 1928 zum Konkurs der Merkelschen Fabrik. Gemeinsam mit Friedrich Schmittchen sowie Fritz und Charlotte Richter ringt der Fabrikant um einen Neuanfang. Zögernd bessert sich die Auftragslage. 1935 beläuft sich die Belegschaft auf 140 Mitarbeiter. Während des 2. Weltkrieges in das Rüstungsprogramm mit eingespannt, wird der Betrieb 1945 total demontiert. Nach der Enteignung 1947 bahnt sich unter der Bezeichnung VEB Kamerafabrik Tharandt ein Comeback mit der Reflecta I und II an. Im März 1950 ist eine weitere Umwandlung aktuell. Der Tharandter Betrieb wird dem Welta-Kamerawerk Freital zugeordnet.

Ein junger Mann bricht auf: 1912 greift im Plauenschen Grund ein blutjunger Mann nach den Sternen. Otto Werner, gerade mal 19, schickt sich an, ein Unternehmen aus dem Boden zu stampfen. Der gebürtige Leipziger wird zunächst belächelt, man nimmt den einstigen Merkel-Lehrling nicht für voll.

Werner schert sich nicht um Frotzeleien und hämische Kommentare. Am Anfang seiner Frabrikantenlaufbahn stehen fotografische Zentralverschlüsse. In den Räumen des späteren Capitol-Kinos kurbelt er in kleinen Dimensionen die Produktion an. Es dauert nicht lange und seine Erzeugnisse sind so gefragt, dass er sich vergrößern muss. Werner breitet sich im Knielingschen Ofenbau aus. Eine Zwischenstation, der sich 1923 die Übersiedlung in die Tharandter Klippermühle anschließt. Sieben Jahre später geht er in der Talmühlenstraße, im Gebäude eines ehemaligen Kalkbergbaus, vor Anker. Gemeinsam mit seinem Sohn gelingt Otto Werner die Entwicklung neuer Verschlüsse von hoher Qualität. In den ersten Nachkriegsmonaten hält man sich mit der Fertigung von Haushaltsartikel über Wasser. 1947 läuft das Verschlussprogramm wieder auf vollen Touren. Zwischen 1961 und 1964 werden in der Talmühlenstraße über 20 000 programmgesteuerte Juniormat-Verschlüsse produziert. Abnehmer sind bekannte Kamerabauer in Dresden und Freital. 1972 vollendet sich Otto Werners arbeitsreiches Leben.

1972 wird der Schwiegersohn des Firmenbegründers, Ernst Gunkel, zum Direktor der inzwischen verstaatlichten Firma berufen. Die Zeichen stehen weiterhin auf Veränderung. 1974 kommt es zur Angliederung des VEB Fotoverschlüsse Tharandt an die Kamerafabrik Freital. Seit der Wende ruht die Arbeit.

Fabrikation im Albertsalon: Dritter im Bunde: Mechanikermeister Georg Ebigt. Mit geringen Mitteln baut er 1920 eine Fabrikation für fotografische Verschlüsse auf. Die einstige Lagerhalle des Hotel-Restaurants Albertsalon wird zum Fabrikationssaal mit angrenzendem Kontor. Bis zu 35 Mitarbeiter stellen Verschlüsse für Boxkameras und Lichtbildgeräte her. Als 1927 die Forstliche Hochschule das Grundstück aufkauft, quartiert sich der Betrieb im Holzlager einer Tischlerei in der Heinrich-Cotta-Straße ein. Das Schicksal der Firma nach 1931 ist nicht bekannt. Im Juli 1959 ereilt Georg Ebigt in Karlsruhe der Tod.

Tharandt und seine 750-Jahr-Feier im Jahre 1956
- Wolfgang Heinitz, Tharandt -

Allenthalben hört und liest man von der 800-Jahr-Feier Dresdens im Jahre 2006. In einer Urkunde aus dem Jahre 1206 wurde Dresden zum ersten Male urkundlich erwähnt. Nun fragt sich so mancher geschichtlich interessierte Tharandter Einwohner, weshalb wohl Tharandt nicht auch sein 800-jähriges Bestehen im Jahre 2006 begehen will: denn Tharandt feierte doch 1956 - wie auch Dresden - das 750-jährige Stadtjubiläum aufgrund derselben in Dresden ausgestellten Urkunde. Es war in dieser von einem „castellum Thorun“ zu lesen, von dem angenommen wurde, dass es der erste Hinweis auf das Bestehen einer Ansiedlung auf dem Tharandter Territorium sei.

Durch diese Urkunde wurde verfügt, dass das castellum Thorun zu schleifen sei, weil es auf meißnischem Gebiet errichtet wurde. Die Geschichtsforschung spaltete sich damals in zwei Lager. Das eine (Trautmann) behauptete, Thorun sei gleich Tharandt zu setzen und versuchte das durch verschiedenste Deutungen, auch der des Namens Tharandt, zu untermauern, während die andere Seite (Meiche) der festen Meinung war, dass Thorun in Pesterwitz zu suchen sei. Ihm stellte sich der Namensforscher Fleischer zur Seite, indem er den Namen Tharandt von einem deutschen Sprachstamm herleitete. Aus Thorun konnte, so wies er nach, sprachlich niemals Tharandt werden. Um 1955 trat aber ein weiterer Historiker (Michaelis) hervor, der wie einst Trautmann glaubte, exakt nachweisen zu können, dass man Tharandt mit Thorun gleichsetzen müsse. Die Stadtväter stellten sich damals hinter die Darlegungen dieses Wissenschaftlers und beschlossen, 1956 das 750-jährige Bestehen der Burg als den Beginn einer ersten Ansiedlung auf dem Tharandter Burgberg gebührend zu feiern. Inzwischen kam allerdings nun noch in jüngster Zeit eine dritte Variante in Betracht; den Ortsnamen Tharandt zu deuten, denn es gab bis in das 15.Jahrhundert hinein in unserer Gegend weit verbreitet Menschen, die aus dem Geschlecht der „Tarante“ stammten. Ein Burghauptmann „Boriwo de Tharant“ trat in einer in Dresden am 21.Januar 1216 ausgestellten Urkunde als Zeuge auf. In Südtirol bei Naturns im Etschtal wird noch heute die Burg „Tarantsberg“ bewohnt. Es besteht also die Möglichkeit, den Namen Tharandt von diesem Geschlecht herzuleiten, das in dieser Gegend beheimatet war. Es gab zunächst nur die Burg, „der tarant“ genannt, während die später um die Burg herum entstandene Ansiedlung sich „Granaten“ nannte.

Einige Zeit nach 1956 wurde aber dann doch schlüssig nachgewiesen, dass Thorun in Pesterwitz auf dem Burgwartsberge zu suchen sei, was seitdem von niemandem mehr bezweifelt wird. Die Bodenfunde bewiesen, dass das catellum Thorun, wie in dieser Urkunde gefordert, geschleift worden ist, weil es eine Ansiedlung der Burggrafen von Dohna - den „Donins“ - war, die durch den Bau des Kastells über die Weißeritz hinweg auf meißnische Gebietsansprüche traf. In dieser spätmittelalterlichen Zeit galt der Flusslauf der Weißeritz als eine natürliche Grenze zwischen dem dohnaischen und meißnerischen Herrschaftsgebiet, die einzuhalten war. Die Dohnaer Burggrafen besaßen später die Burg Rabenau und stießen in dieses Gebiet vor.

Die erste urkundliche Erwähnung Tharandts fällt also in das Jahr 1216, somit müssen wir uns bis 2016 gedulden, damit dann auch wir unsere 800-Jahr-Feier begehen können.

Als der Beschluss 1955 gefasst worden war, das Bestehen des 750 Jahre alten Tharandts zu feiern, begann eine für die damalige Zeit kaum für möglich gehaltene Zustimmung aus allen Kreisen der Einwohner. Der damalige Bürgermeister Paul Krüger überließ die meisten Initiativen den Bürgern, die sich für dieses große Ereignis engagierten. Und er tat recht daran! Innerhalb des Kulturbundes entstanden die ersten Ideen. Die Stadtverwaltung klinkte sich fest mit ein und sorgte für die Verwirklichung auf organisatorischem Gebiete.

Es bildete sich eine Gruppe aus Mitgliedern des Kulturbundes, der Forstlichen Hochschule mit dem Dresdner Wissenschaftler Dr. Coblenz, die das erste Heft „Forststadt Tharandt", Beiträge zur Heimatgeschichte“ in Angriff nahmen. Rudolf Weber sorgte für die Koordinierung der Beiträge und den späteren Druck dieser Veröffentlichung. Wenige Tage vor Beginn der Feierlichkeiten ist es erschienen. Acht weitere Hefte erschienen in den folgenden Jahren bis 1986.

Eine Programmkommission konstituierte sich ebenfalls und legte fest, dass die Feier vom Sonnabend, dem 26.Mai bis zum Sonntag, dem 3.Juni 1956 stattfinden solle. Nun lag es zuerst in den Händen von wenigen Bürgern unter meiner Leitung, für die Festtage ein buntes Programm zusammen zu bekommen, das für jeden etwas bot. Und schon tauchte die erste Schwierigkeit auf. Wo sollten denn die zu planenden Großveranstaltungen stattfinden? Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder auf dem Sportplatz im Badetal (darauf steht heute der Judeich-Bau) oder auf dem Sportplatz an der Klippermühle (damals noch weitläufig nutzbar). Der Sportplatz am Stadtbad lag zwar zentral, aber man musste dort die Geräusche der Eisenbahn, einer damals stark befahrenen Strecke, und den Autolärm der dicht daran vorbeiführenden Straße in Kauf nehmen. Wollte man sich für den zweiten Standort entscheiden, der am Rande der Stadt gelegen war, so war ein nur geringer Autolärm erkennbar, aber die Besucher hatten eine größere Wegstrecke zurückzulegen. An beiden Orten bot sich bei eventuellem Regen eine Ausweichmöglichkeit an: Im Badetal der Saal des Stadtbad-Hotels und an der Klippermühle der damals noch vorhandene große Saal, der dann 1958 dem Hochwasser zum Opfer fiel. Nach heftigen Debatten des Für und Wider wurde der Sportplatz an der Klippermühle auserkoren. Allen Unkenrufen zum Trotz pilgerten zu den Festtagen Massen von Menschen diesem Ziele zu.

Es ist sicher vorstellbar, dass bei der Planung zu den Veranstaltungen sich Hürden aufbauten, die von uns zu überspringen waren, wo wir auch zeitweise ins Stolpern gerieten oder diese einfach nicht überspringen konnten. Wir waren aber damals ein Team, das vom Optimismus geprägt war, weil wir unbedingt dieses Fest allen zum Erlebnis gestalten wollten. Unser damaliger mit großer Verantwortung beladener Finanzmann der Stadt, Josef („Jupp“) Hauptmann, könnte diese Meinung bestimmt mit allem Nachdruck unterstützen. Als das Fest vorbei war, waren alle Organisatoren geschafft, aber glücklich, weil nämlich die wichtigste, aber nicht vorhersehbare Komponente, das Wetter, uns warme Sonnentage bescherte. Wir mussten nicht einmal des Wetters wegen in einen Saal mit begrenzten Sitzmöglichkeiten einziehen, sondern der Platz, der über tausend Menschen aufnehmen konnte, stand an jedem Tag zur Verfügung. Es gab zwei Veranstaltungsorte: Die Freilichtbühne an der Klippermühle und dazu den großen Saal des Stadtbad-Hotels, der 800 Besucher aufnehmen konnte.

Schließlich glaubten wir drei Wochen vor dem Beginn der 750-Jahr-Feier, dass alles das, was wir mit Mühe organisiert hatten, auch zu hundert Prozent über die Bühnen gehen würde. Doch es kam anders, aber im positiven Sinne! Ein Telegramm vom Rundfunk traf Anfang Mai im Rathaus ein. „Bunter Abend" am Sonnabend, dem 26.5.56 vorgesehen. Wir bitten um Antwort.“. Diese Mitteilung beflügelte alle Verantwortlichen, auch diesen kaum für möglich gehaltenen Programmpunkt noch mit Akribie vorzubereiten.

Wir wollten den ersten Tag unserer Feier, den 26. Mai, mit dem Meilerfest beginnen. So geschah es auch, um 10 Uhr wurde der Meiler gezündet. Da staunten wir schon über die vielen Menschen, die sich hier eingefunden hatten. Um 14 Uhr fand der Festakt im Stadtbad-Hotel statt. Am Abend stellte sich dort der Rundfunk mit einem attraktiven Programm vor, wobei auch die Geschichte der Stadt, die sie bei uns erfragt hatten, eine wesentliche Rolle spielte. Es saßen 950 Bürger unserer Stadt im Saal, selbst der kleinste Winkel war für einen Sitzplatz genutzt worden. So hatten wir uns den Beginn des Festes erträumt; nun war es doch noch, nach vorheriger Absage, Wirklichkeit geworden!

Der Sonntag, der 27. Mai, begann mit einem großen Wecken der Jagdhornbläser der Hochschule und des Spielmannszuges der Freiwilligen Feuerwehr. Auf dem Platz am Stadtbad-Hotel begannen sportliche Wettkämpfe. Das Blasorchester der Bezirksbehörde der Volkspolizei aus Dresden gab auf dem Markt ein bejubeltes Konzert.

Um 13 Uhr setzte sich der Festzug, in dem die 750 Jahre Tharandter Geschichte in 12 bunten Bildern dargestellt wurde, in Bewegung. Voran ritten drei Herolde, denen die Darsteller von Bewohnern der Burg folgten. Markgraf Heinrich der Erlauchte <Erleuchtete> führte den mittelalterlichen Jagdzug an. Es wurde des Jahres 1609 gedacht, als Tharandt das Stadt- und Marktrecht erhielt. Die Entdeckung von heilendem Quellwasser im Jahre 1793 war dann das weitere Thema. Im langen Zug stellten sich die Badegäste vor, denen ein Hochzeitszug aus der Zeit des Biedermeier folgte. Der seit 1818 mögliche Postverkehr wurde durch das Gelb der Bediensteten und einer Postkutsche aus dieser Zeit dargestellt. Auch die Fuhrwerker, die einst aus dem Erzgebirge kamen und Waren nach Dresden beförderten und dabei auch Tharandt berührten, waren, prächtig bekleidet, im Festzug. Truppen aus der Zeit der Völkerschlacht von 1813 zogen an den Zuschauern vorüber.

Die 1816 gegründete Forstakademie zeigte sich mit Professoren im Bratenrock und Forststudenten in ihren schmucken Uniformen der damaligen Zeit. Die Revolutionäre von 1848/49 und Angehörige der Tharandter Kommunalgarde schlossen sich im Festzug an. Im nächsten Bild sahen wir, wie sich der Fortschritt der Technik in unserer Stadt bemerkbar machte. Feuerwehrleute mit ihrer Spritze, Eisenbahner, die auf der 1855 gebauten Strecke Dresden-Tharandt ihren Dienst taten, Laufrad- und Hochradfahrer dokumentierten diese Entwicklung. Aber auch Tharandter Originale gaben sich ein Stelldichein: Der Schneidermeister und Waldläufer Keller, Karl; der bis Teplitz ins Bad laufende Irmscher, Otto; die Nachtwächter Uhlemann und Musch; der Wachtmeister Tittmann (genannt Fettbemme); Ehrlichs Anne mit dem Pilzkorb und der Studentendiener Christ. Sie prägten um 1900 mit das Gesicht unserer Stadt. Die nächsten Bilder zeigten, welche Gefahren und Nöte Kriegszeiten im 20. Jahrhundert über die Menschen brachten. 87 Einwohner von Tharandt und Großopitz starben im 1. Weltkrieg; der 2. Weltkrieg forderte 107 Tote. Den mutigen Männern und Frauen, die sich den kriegslüsternen Herrschern entgegenstellten, wurde in diesem Bilde gedacht. Im letzten Teil des Festzuges stellten sich die Einwohner vor, die mit großem Enthusiasmus die Geschicke in der 1949 gegründeten DDR in die Hand genommen hatten: Arbeiter aus volkseigenen Betrieben, Bauern, Handwerker und Gewerbetreibende. Studenten der Forsthochschule, Schüler der Tharandter Schule als Pioniere, Sportler, eine Gruppe von Volksmusikanten, Imker, Obstbauer, Kleingärtner, Tierzüchter. Den Zug beschloss im offenen Auto der Bürgermeister mit den Stadträten.

Ein solcher etwa einen Kilometer langer Festzug bedurfte natürlich einer intensiven Vorbereitung. Der dafür Verantwortliche war Herr Bieber. Sein Aufruf an die Tharandter Bevölkerung, sich als Mitwirkende zur Verfügung zu stellen fand ein großes Echo. Wir brauchten für den Festzug viele Pferde. Die Großopitzer und einige Grumbacher erfüllten alle unsere Wünsche. Viele Forststudenten reihten sich mit in die Reihe der Darsteller ein. Die Begeisterung für das Mitwirken an diesem Riesenprojekt war enorm. Am Ende war ein Aufatmen bei den Mitgliedern des Festkomitees zu hören, als Herr Bieber uns mitteilte, dass alle Darsteller für den Festzug gefunden worden waren. Nun mussten Kostüme ausgeliehen werden. Die Dresdner Verleihinstitute lieferten, was wir brauchten, mit der Bitte das Ausgeliehene sofort zurückzuschicken, da Dresden kurz nach uns seine Feier ausrichtete.

An diesem Sonntag standen Menschenmassen, wie wir sie noch nie in Tharandt gesehen hatten, an der Strecke. Im großen Saal der Klippermühle waren letzte Unebenheiten noch schnell ausgebügelt worden; und dann begann das schönste Schauspiel, das in Tharandt je aufgeführt worden ist. Wir sagten: Da muss doch in den umliegenden Dörfern und Städten niemand mehr zu Hause geblieben sein. Den Weg des Festzuges, der von der Wilsdruffer Straße durch das Schloitzbachtal ins Badetal bis zum ehemaligen Wehr und wieder zurück nach der Klippermühle an schön geschmückten Häusern vorbei führte, umsäumten froh gestimmte Bürger aus nah und fern.

Auf der Freilichtbühne an der Klippermühle war inzwischen das Tanzorchester Alo Koll eingetroffen und bereitete sich für eine große Bühnenschau vor. Neben dem führenden Rundfunktanzorchester Leipzig existierte dieses „Konkurenzunternehmen“ und bot beste Unterhaltung. Sie brachten die beiden damaligen Starsänger der DDR Brigitte Rabald und Fred Frohberg mit. Um 16.30 Uhr waren der Sportplatz und alle Höhen rundum von begeisterungsfähigen Menschen besetzt. Am Abend bildete im Stadtbadsaal eine große Tanzveranstaltung mit dem Orchester Alo Koll und den Sängern den Abschluss dieses ereignisreichen Tages.

An allen Festtagen fanden am Meilerplatz im Breiten Grund verschiedenste musikalische Veranstaltungen statt. Diese Art der damals begonnenen Festlichkeiten wird auch heute noch in Verantwortung der Freiwilligen Feuerwehr Tharandts gepflegt.

Am Montag, dem 28. Mai, wurden Führungen durch den Forstgarten und den Tharandter Wald angeboten, während auf der Freilichtbühne am Abend die Volkskunstgruppen des Edelstahlwerkes und des Wilsdruffer Spiegelwerkes ihren Auftritt hatten. Auch hier waren die Besucher begeistert von den Vorführungen dieser Schar von einheimischen Laienkünstlern. Das war aber auch ein Tag des Luftholens für die unmittelbar Verantwortlichen, bevor die nächsten Großveranstaltungen zu bewältigen waren.

Und so kündigte sich, am Dienstag, dem 29. Mai, der nächste Höhepunkt unserer Feier an. Um 19.30 Uhr standen die jungen Sänger des Dresdner Kreuzchores unter der Leitung von Kreuzkantor Rudolf Mauersberger auf der Bühne. Ich konnte schon dem Einsingen des Chores im Klippermühlensaal beiwohnen und erinnere mich noch gern an die freundlichen Worte des Kreuzkantors, die er für mich übrig hatte. Als er erfuhr, dass ich Lehrer bin und musikalisch sehr interessiert, ergab sich zwischen uns ein Gespräch über Pädagogik und Musikauffassungen, das mir sehr viel gab. Vielleicht noch eine kleine Episode vom Einsingen. Plötzlich brach Professor Mauersberger ab, schaute in die Runde der jungen Sänger und bemerkte: „Der weltberühmte Kreuzchor glaubt, hier in Tharandt die Aussprache des Textes vernachlässigen zu können. Was soll ich den Zuhörern sagen? Entschuldigen Sie bitte, von Dresden bis Tharandt ging den Kreuzchorsängern die Genauigkeit der Textaussprache verloren.“ Ein großer Musiker und ein ebensolcher Pädagoge!

Am Nachmittag hatten wir die zehn ältesten Einwohner zu uns ins Stadtbad-Hotel eingeladen, um sie zu ehren. Mit Autos wurden sie von ihrer Wohnung abgeholt. Ein Fahrer kam unverrichteter Dinge zurück. Ausgerechnet den ältesten 90jährigen Briehme, Wilhelm hatte er nicht angetroffen. Kaum gesagt, bog dieser um die Ecke mit der Bemerkung: „Na, so alt bin ich nun doch noch nicht, dass Ihr mich mit dem Auto holen müsst.“ Als die Ehrung vorbei war, beeilte ich mich, auf kürzestem Wege vom Stadtbad nach der Klippermühle zu kommen. Es herrschte ein Riesenandrang. Ich half beim Einlassdienst. Und wer drückte mir schon nach wenigen Minuten die Eintrittskarte in die Hand? Briehme, Wilhelm! Er habe heute leider wenig Zeit zum Abendbrot gehabt, meinte er lakonisch. Das sind bleibende Erinnerungen an ein großes Fest!

Der Mittwoch, der 30. Mai, wurde von uns zum „Tag des Forstes“ deklariert. Ausstellungen, Lehrfilme berichteten von der Arbeit dieser wissenschaftlichen Einrichtung unserer Stadt. Am Vormittag und frühem Nachmittag fanden Führungen durch Wald und Forstgarten zahlreiche Interessenten. Der Klang der Jagdhörner drang von der Ruine herunter in alle Täler. Um 16 Uhr sprach der Minister für Land- und Forstwirtschaft der DDR über die nächsten Aufgaben, die uns auf forstlichem Gebiet bevorständen. Punkt 20 Uhr begann auf der Freilichtbühne der „Große Grüne Abend“.

Die enge Verbundenheit zwischen Hochschule und Einwohnern wurde offensichtlich. Der Donnerstag, der 31. Mai, gehörte dem Sport. Das Gelände am Sportplatz der Klippermühle und die darauf befindliche Freilichtbühne wurden genutzt, um die Vielfältigkeit der sportlichen Betätigung in Tharandt zu demonstrieren. Bei Beginn der Dämmerung erklang auf dem Platz zwischen den altehrwürdigen Mauern der Burgruine vor vielen Hörern eine Burgruinenserenade von einem Ensemble dargeboten, das sich vorwiegend aus Tharandter Bürgern zusammensetzte.

Am Freitag, dem 1. Juni, dem „Tag des Kindes“, übernahm die Schule das Kommando. Der Vormittag wurde zur sportlichen Betätigung genutzt. Auf dem Schulhof und auf dem Platz an der Klippermühle wurde dann am Mittag den Schülern ein Festessen mit musikalischer Umrahmung kredenzt. Am Nachmittag strömten viele Besucher zum großen Saal des Stadtbad-Hotels, denn es war ein Heimatspiel „Die silberne Glocke“ einstudiert worden. Am Abend waren dann besonders die Tharandter zu Gast, um dem Theaterstück beizuwohnen. Noch zwei Tage standen uns bevor. Das zweite Wochenende während unserer Feier erhielt noch einmal eine große Ausstattung. Am Nachmittag des 2. Juni zeigten die Kunstturner aus Freital und Umgebung, was sie drauf hatten und ernteten großen Beifall. Das Donnern der Füße der Kunstturner auf dem Holzboden der Freilichtbühne war kaum verhallt, da sprangen schon Mitglieder des Sorbischen Volkskunstensembles aus Bautzen über die Bretter und zeigten ihre Tänze in bunten Trachten und sangen Lieder aus ihrer sorbischen Heimat. Ein begeisterndes Bild voller Abwechslung, das sich den vielen Besuchern bot.

Am Sonntag, dem 3. Juni trafen sich die Chöre des Kreises Freital zum Kreissängerfest in Tharandt. Nach einem von ihnen hübsch gestalteten Festzug durch die Stadt boten sie auf der Freilichtbühne ein Chorkonzert, wobei die große Leistungsfähigkeit der Chöre des Kreises Freital zum Ausdruck kam.

Als sich die 750-Jahr-Feier dem Ende zuneigte, kam vom Rat des Bezirkes Dresden bei uns eine erfreuliche Nachricht an: Die Stadt Tharandt erhält als Anerkennung für die geleistete Arbeit zu dieser Feier eine vollständige Ausstattung mit Musikinstrumenten zum Aufbau einer Stadtkapelle. Innerhalb kurzer Zeit waren die Musiker gefunden und zu allen möglichen Gelegenheiten erklang Blasmusik in den Tharandter Tälern. In den sechziger Jahren ging der neu gebildete Klangkörper immer mehr in seiner Mitgliederzahl zurück, da viele jugendliche Kräfte zur Armee eingezogen wurden. Die Übriggebliebenen schlossen sich dann der Blaskapelle in Freital an.

Am letzten Tag der ereignisreichen Woche versammelten sich um 21 Uhr die Tharandter, Erwachsene und Kinder, an der Klippermühle zu einem Lampion- und Fackelzug, und durchliefen noch einmal die Strecke des vorsonntäglichen Festzuges. Ein Buntfeuer erhellte die Mauern der Burgruine, die ja der Anlass war, der vergangenen 750 Jahre zu gedenken.

Wir trösten uns damit, dass wir mit Sicherheit behaupten können, dass es auch 1206 die Burg schon gab, nur wurde eben erst 1216 eine erste urkundliche Erwähnung registriert. Nehmen wir uns also 2016 das hervorragend gelungene Fest von 1956 zum Vorbild und versuchen mit einem ähnlichen Enthusiasmus, das 800-jährige Tharandt in einen Festrausch zu versetzen!

Die Tharandter Kirche „Zum Heiligen Kreuz“ und ihre Orgeln
- Dr. Christoph Richter, Tharandt -

Am 14. Mai wird der diesjährige Orgelsommer mit einem Benefizkonzert eröffnet. Für viele Musikfreunde ist das mit einem Hörvergnügen der besonderen Art verbunden, denn die „Tharandter Orgel hat etwas“. Immer wieder spielen hervorragende Organisten auf diesem Instrument. Die Orgel und die Akustik des Kirchenschiffs bilden eine Einheit, dessen Reiz sich kein Hörer entziehen kann. In diesem Jahr jährt sich nun zum 200. Mal die Orgelweihe der Kayser-Orgel von 1806, Grund genug, einmal die Geschichte der Tharandter Orgeln anhand des Archivmaterials nachzuerzählen. Je tiefer man in die Akten eindringt, desto mehr verbindet sich die Geschichte der Orgeln mit der Geschichte der Stadt Tharandt und deren Einwohnern, ja, sogar mit den großen politischen Ereignissen im Land Sachsen.

Was hat ein Gedichtband mit einer Orgel zu tun?

Vor einigen Jahren fiel mir die Kopie eines kleinen Gedichtbandes [1] in die Hände mit dem Titel: „Tarants schöne Natur, in geselligen Liedern gefeiert, von C. F. T. Voigt, Prediger in Tarant".

In diesem Büchlein beschreibt Mag. Dr. Christian Friedrich Traugott Voigt, ein gelehrter und geistreicher Mann und Doktor der Philosophie, begeistert und voller Poesie die anmutige Schönheit der Tharandter Täler, preist die Stadt und Persönlichkeiten, die sich um das Wohl derselben verdient gemacht haben. Gedichte wie:

„Beym Eintritt in Tarants Thäler", über die „Gesellschaftswiese bey dem neuen Badehause", „Auf den Ruinen", „In den heiligen Hallen", „Im Sonnentempel", „Am Altar der abwesenden Freunde" und „Auf dem Ausritt an der Morgenseite der Kirche" drücken auf anrührende Weise die Empfindsamkeit der Menschen in der Zeit der Romantik aus.

Eine Bemerkung auf dem Titelblatt des Heftchens machte mich neugierig: „Preis: 1 Zwanzigkreuzer. – Der Ertrag: zur inneren Verschönerung der dasigen Kirche und besonders zum Bau einer neuen Orgel."

Der Gedichtband ist undatiert. Pastor Voigt predigte aber von 1799 bis 1813 in der Tharandter Kirche. Bekannt ist auch die Orgelweihe vom Jahre 1806. Also musste dieses Gedichtbändchen vorher in Umlauf gekommen sein, denn es zielt auf die Spendenfreudigkeit der Käufer ab. - Wenn 1806 Orgelweihe gewesen ist, dann ist folgerichtig 2006 das zweihundertjährige Jubiläum dieser Orgel. Gab es aber später nicht wesentliche Veränderungen an der Orgel? Was wurde verändert? Ist es eigentlich noch im Inneren die alte Orgel? Und musste es nicht auch mindestens eine Vorgängerorgel zu der von 1806 gegeben haben?

Der Weg bis zur ersten Orgel

Wer Fragen hat, sollte sich zu den Quellen begeben. Und die überlieferten Dokumente nahmen mich gefangen. In meiner Suche nach näheren Umständen zu Tharandts Orgeln tauchte ich im Kirchenarchiv gleichsam in die Geschichte der Stadt ein. Schriftliche Angaben aus diesem Archiv reichen bis zum Jahre 1555 zurück. Am 28. April dieses Jahres wurde Donat Menzel in sein Amt als erster Pfarrer in das neue Kirchspiel Tharandt eingeführt.

Unter: „Acta, den Chor und Orgelbau betreffend" [2] sind alle Unterlagen zwischen 1642 und 1808, auf handgeschöpftem Büttenpapier und mit Gallus- Tinte beschrieben, säuberlich gebunden und - einschließlich der gefalteten Briefumschläge - abgeheftet. Aber auch der Kantor in Tharandt, E. Sickert, liefert mit seiner Chronik zu Kirche und Schule Tharandts von 1933 [3] zum Teil detaillierte Informationen zu den Orgeln.

Man stelle sich vor: Der 30jährige Krieg ging in sein 24. Jahr. Da bietet 1642 der „Orgelmacher" Koch für die von 1626 bis 1631 neu erbaute Kirche „Zum Heiligen Kreuz" einen Orgelneubau an [2, S. 5]. Offensichtlich gab es vorher zwischen ihm und den Tharandter „Kirchenvätern" (heute spricht man von Kirchenvorstand) bereits diesbezügliche Gespräche. Dass diese Gespräche ernsthaft gewesen sein müssen, geht schon daraus hervor, dass man eine Seite wertvollen Büttenpapiers für diese Information opferte. Es scheint den Bürgern sehr ernst damit gewesen zu sein, allen Kriegswirren zum Trotz zur neuen Kirche nun auch eine neue Orgel zu erhalten. - Das Lied war seit der Reformation fester Glaubensbestandteil und aktive Teilhabe der Menschen am Gottesdienst. Bereits 1524, wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag, schuf Johann Walter (1496 – 1570) das erste evangelische Kirchengesangbuch. Von einer Orgel, die den Gemeindegesang begleiten könnte, träumte seither sicher jede Gemeinde.

Der damalige Pfarrer A. Adam Schneider, ein rühriger Mann, schwankte offensichtlich zwischen Pflicht und Neigung. Einerseits fehlte Geld für das Überlebensnotwendige, so dass eigentlich nicht an den Kauf einer Orgel zu denken war, andererseits lockte 1645 ein Johann Ziegler mit dem Angebot, ihm ein preiswertes Orgelpositiv zu verkaufen.

Umso mehr war ich von einer „Aktennotiz" des Pfarrers überrascht: Bereits in der zweiten Jahreshälfte 1646 beschreibt er rückblickend, wie es zur Aufstellung einer neuen Orgel kam. Er bindet seine Erinnerungen in den zeitgeschichtlichen Rahmen ein, so dass eine vollständige Wiedergabe des Textes [2, S.10] sicher interessant für uns Nachgeborene ist:

„Nachrichtung, wie hiesige Kirchfahrt und Gemeinde zur Orgel gelanget, auch was in einem und dem andern dabei vorgangen, richtig verzeichnet."

Demnach das Städtlein Tharandt von Anno 1555 von Jahren zu Jahren durch Gottes gnädigen Beistand wie an der Mannschaft, Jugend und Volk gewachsen, also auch in der Kirchen und Gottesdienst ziemlich in aufnehmen gelanget. Und weil hiesiger Ort eine ganz neu erbaute Kirch, wozu Churf. Durchl. ein Stück vom alten Schloß Tharandt gnädigst verehret, wie solchen in folgenden Kirchenbuch von Stück zu Stück samt denen darauf gewandten Unkosten, Müh und Arbeit mit mehrere Zubußen. Als hat sich eine Orgel zur Erweckung gottseliger Andachten darein zu zeigen auch wohl geschicket. Es hat sich aber eingefallen, höchst gefährlichen Kriegsunruhen, wie auch vielfaltigen Contributionen (Kriegsabgaben) darzu zu gelangen alles schwer und fast unmöglich sein sollen. Doch hat der grundgütige Gott allerhand Mittel an die Hand gegeben.

Erstlich ist hiesigem Ort von Johann Zieglern, einem Musikanten von Dresden ein Positiv angeboten worden. Welches der ganzen Kirchfahrt öffentlich, nach gehaltener Predigt angemeldet worden mit sonderlicher treuherziger christlicher Erinnerung, daß ein jeder Gott dem Allmächtigen zu Ehren und Bezeigung seines Christentums dazu mit einer Gabe wolle hilfreich erscheinen. Worauf Dom. 8 p.Tr. 1645 (am 8. Sonntag nach Trinitatis) nach dem Gottesdienst ein Becken in der Kirchhalle aufgesetzet, das Volk ferner zu einem christlichen Almosen jeder groß und klein, reich und arm nach seinem Vermögen etwas einzulegen freundlich ermahnet worden. Da sich denn befunden 10 Taler 18 Groschen und aus dem Gotteskasten 30 Groschen darzu getan, daß es 12 Taler ausgetragen, welches gleich die Hälfte, denn das Positiv besag des Handels aufgerichten Zettels um und für 24 Taler erkaufet. Folgendes ist noch eine Vermahnung zur Hand genommen, bei davon Einlag gar ein weniges einbracht, doch haben auswärts etliche fromme Christen etwas hergegeben, daß es bis auf 5 Taler bezahlet worden.

Es hat aber Gott der Allmächtige unsern Conatus (Versuch) und christliches Velle (Wollen) zu einem gewünschten Perficere (Vollendung) kommen lassen. Indem ehe noch eine Jahresfrist abgelaufen, wir ein ganz neues Orgelwerk anno 1646 am heiligen Pfingstfest in der Kirchen verfertigt gehabt. Habe auch vor meine wenige Person, so viel mir möglich, allen Fleiß in Schreiben, Bitten, Betteln Vorschub zu tun und was etwa nötig gewesen, bis es durch göttlichen Beistand zum stand gebracht. Der fromme treue Gott gebe seinen Segen ferner um Christi willen Amen. Adam Schneider, p. l."

Wie sah dieses mit „Fleiß in Schreiben, Bitten, Betteln Vorschub tun" im einzelnen aus, damit am Ende eine neue Orgel für 159 Taler gekauft werden konnte? Die Akten berichten, dass der Pfarrer die 24 Taler für das Positiv von Orgelbauer Johann Ziegler aus eigener Tasche bezahlte. Seine Bitte an den Kurfürsten (der sich sicher vieler angenehmer Stunden der Jagd im „Grüllenburger Forst" und an die Lieblingsburg seiner Vorfahren erinnerte), war ebenfalls erfolgreich: „100 Taler haben Churf. Durchl. zu. uff bestehenes untertänigstes suplicium (Vorhaben) unsrer Kirche Gnädigst verordnet, die Martin Melzer durch das Amt allhier gegen der Kirchväter Quittung erleget" [3, S. 30]. Studiert man die Akten genauer, dann war dieser Martin Melzer ein wegen Ehebruchs Landflüchtiger. Für ihn reicht die Gemeinde ein Gnadengesuch ein und der Landesvater wandelt die „Verbannung" aus Sachsen in 100 Taler Geldstrafe um (das sind schätzungsweise zwei Jahresverdienste eines Gesellen!), zweckgebunden für die Orgel. So hilft die Gemeinde, indem sie sich nützt. Deshalb wurde damals unter den Leuten diese erste Orgel auch als „Straforgel" bezeichnet. (Man stelle sich heutzutage eine solche Rechtsprechung vor: Unser Land hätte keine Sorge mehr um die nötigen Mittel für Kultur und Kunst zu haben.)

Das übrige Geld wurde zum Teil durch freiwillige Gaben aufgebracht. Interessant ist, dass Pfarrer Schneider in seiner „Aktennotiz" ausgerechnet am 8. Sonntag nach Trinitatis zur Geldspende aufruft. Vielleicht steht dieser Tag im Zusammenhang mit dem 100. Jahrestag des Augsburgischen Religionsfriedens vom 25.9.1555 (Toleranzedikt zwischen Katholiken und Protestanten) oder mit den in Kötzschenbroda laufenden Gesprächen zum Separatfrieden zwischen Schweden und Sachsen?

Die in den Akten aufbewahrte Spendenliste weist 180 Tharandter Familienoberhäupter aus. Die Spendenfreude war so groß, dass aus der Gemeindekasse nur noch 5 Taler, 12 Groschen beizusteuern waren, um die neue Orgel, einschließlich des Positivs, bauen lassen zu können.

Wie groß muss die Friedenserwartung und damit verbunden die neue Lebenszuversicht der damaligen Spender gewesen sein?!

Rasch wurde ein Kontrakt über den Orgelneubau mit dem Hoforgelmacher Tobias Weller aus Dresden am Palmsonntag 1646 unterzeichnet. Danach kostete die Orgel insgesamt 159 Taler, 1 Groschen (einschließlich Trankgeld, Kostgeld, Orgelprüfung und weißem Orgelanstrich). Die Orgel wurde dem Altar gegenüber, an der Westseite in Höhe der jetzigen 1. Empore errichtet.

Kantor Sickert charakterisiert im Jahre 1932 rückblickend die schlichte Orgel wie folgt: „Die Disposition weist nur zwei schwache Grundstimmen auf, ein Grobgedakt 8-Fuß-Ton, die längste Pfeife 2 Ellen 1 Viertel, und eine Quindatena, sonst nur 4-Fuß=, 2-Fuß= und noch kleinere, auch ein halbes Register, nämlich: ein Prinzipal von gutem Zinn, die größte Pfeife 3 Ellen lang ins Gesicht (Prospekt) von 4-Fuß-Ton, eine Oktave 2-Fuß-Ton, eine Hohlflöte von 2-Fuß-Ton, eine scharfe Quinte von 1,5 Ton, eine Schwiegelflöte 1-Fuß-Ton, ein Cymbal einfach, eine halbe Oktave 1-Fuß-Ton „den Choral auf dem Diskant damit zu führen"; im ganzen zwar 13 Register, aber z. T. die alten Spielereien Tremulant, Vogelgesang, Cymbelstern und Trommel. Die unterste Oktave war eine kurze ohne dis, fis und gis, ohne cis wurde sie damals ohnehin allgemein (auch von Silbermann und auch noch in der Orgel von 1806) gebaut" [3, S. 31]. 
Ein spielbares Pedal fehlt.

Warum die Tharandter Gemeinde so rasch ihre Orgelbaupläne verwirklichen wollte, wird dann deutlich, wenn man den Orgelneubau in sein historisches Umfeld einordnet: Am 27. August 1645 wurde im „Frieden zu Kötzschenbroda" zwischen Sachsen und Schweden ein separater Friedensvertrag ausgehandelt, der dem Westfälischen Frieden von 1648 vorausging und zumindest in Sachsen den jahrzehntelangen, fürchterlichen, bis zur völligen Erschöpfung aller Kriegsparteien führenden Krieg beendete. Wie groß muss die Freude der Menschen damals gewesen sein, endlich nicht mehr um ihr nacktes Überleben fürchten zu müssen! Und von dem wenigen was sie hatten, spendeten sie für „ihre" erste Orgel ...

Im April 1745 findet der Tischlermeister Johann Christian Rülcker bei der Reinigung der seit 99 Jahren nicht gepflegten 337 Orgelpfeifen am Register Quintadena die Inschrift des Orgelbauers Tobias Weller: „Gefertigt im Jahre 1646 durch Tobial Weller, Hoforgelmacher, Dresden, den 25. Mai."

Der gesamte Orgelneubau hinterließ in den Akten 26 vorder- und rückseitig teilweise eng beschriebene Blätter aus Pergament. Erinnern wir uns ruhig ab und zu an unsere Altvorderen, wenn wir in unserer verbürokratisierten Welt glauben, dass von allem und über alles ein Aktenordner mit schnell gedruckten Seiten angelegt werden müsse. Wie werden einst unsere Nachfahren bei solchen Bergen von papiernen Hinterlassenschaften Wichtiges von Unwichtigem aus unserer Zeit trennen können?

Der beschwerliche Weg zur zweiten Orgel

In den folgenden Jahrzehnten verlautet nichts aus den Kirchenakten zur Orgel. Die Menschen hatten sicher wieder schwere Nöte. Der Nordische Krieg (1700 bis 1719), in dem sich August der Starke – leider recht unglücklich und ungeschickt – zu profilieren suchte, stürzte die Sachsen ins Elend. Erst nachdem sich die Lebensverhältnisse wieder gebessert hatten, rückte auch die Orgel wieder stärker ins Bewusstsein der Tharandter Bürger.

Zunehmend scheint es Probleme mit der Spielbarkeit des Instrumentes und vor allem mit den veränderten Klangauffassungen der Menschen zwischen Barock und Klassizismus gegeben zu haben. Deshalb wurde am 4. Juni 1735 der Orgelmechaniker Johann Ernst Hähnel aus Meißen gebeten, einen „unmaßgeblichen" Kostenvoranschlag über Verbesserungen an der Orgel vorzulegen. Unter anderem sollte erstmals ein Pedal mit Bassregistern (16-Fuß, Subbass, Posaune und Traversflöte 8- Fuß) eingebaut werden [2. S. 30-33]. Die Aufwändungen von 260 bis 375 Taler konnten aber nicht aufgebracht werden, zumal das schadhafte Kirchendach Vorrang in der Reparatur hatte.

Die folgenden Akten könnten aus unseren Tagen stammen. Dem Ansinnen der Tharandter Kirchgemeinde vom 28. Februar 1735, ihre Orgel grundhaft zu sanieren, entgegnet der Dresdner Superindendent Dr. Göpfert unmissverständlich: „Ich kann die Vorschläge nicht eher unterschreiben, biß umständl. gemeldet wird woher die Kosten zu der Orgel und dem Kirchendach kommen sollen" [2, S. 27-29].

Der Umbau unterblieb. Erst 10 Jahre später, am 14. April 1745, wird für aufzeichnenswert gehalten, dass die Pfeifen nach 100 Jahren erstmalig für 4 Taler gereinigt wurden und die „...Bälgertritte aus dem Beichtstuhl an einen andern dazu bequemeren Ort ..." verlegt wurden [3, S. 34].

Wie stark der Zustand einer Orgel mit den politischen Ereignissen der Zeit zu tun haben kann, zeigt sich an der erneuten „Funkstille" in den Akten. Dabei war aber eigentlich schon 1745 klar, dass etwas mit der Orgel zu passieren habe. Diesmal war es Friedrich II. von Preußen, der sich in einem 7jährigen Krieg (1756 – 1763) in wechselnden Bündnissen mit Russland, Österreich, England- Hannover und Sachsen blutige Schlachten lieferte; es ging um ein neues Gleichgewicht der politischen Kräfte in Europa und um den Besitz Schlesiens. Zu allem Schrecken besiegten die Preußen in der Schlacht bei Kesselsdorf am 15. Dezember 1763 die Sachsen. 14.000 Tote mussten begraben werden. Für 3 Groschen Tageslohn wurden auch Tharandter Einwohner zu Totengräberdiensten verpflichtet [4]. Kein Wunder also, dass es in dieser Zeit wieder einmal wichtigeres gab, als über den desolaten Zustand einer Orgel zu berichten.

Erst 1782 und 1787 finden sich wieder kürzere Notizen in den Akten, die vermuten lassen, dass es mit der Orgel nicht gerade zum Besten stehe. 1788 wird erstmals ein Spendenaufkommen von 28 Talern und 14 Groschen für eine neue Orgel genannt [2, S. 33.4].

Sachsen hatte nach dem 7jährigen Krieg eine längere Friedensperiode. Die Französische Revolution (1789-1795) reichte mit ihren „aufrührerischen" Auswirkungen sicher nicht bis zu den Tharandter Bürgern. Und Napoleon Bonaparte hatte gerade einmal die Rheinbundstaaten unter seine Vorherrschaft gebracht und die Preußen am 14. Oktober 1806 im „fernen" Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen. Die Befreiungskriege zwischen 1812 und 1813 lagen für die Sachsen noch weit. Genau gegen Ende dieser vierzigjährigen Friedensperiode versammelten sich am 17. Juli 1803 127 Gemeindeglieder. Sie fassten einen Beschluss zur weiteren Förderung der Orgelkasse, eine „Orgelsteuer" also, und unterschrieben allesamt eigenhändig. In neun Punkten wurde genau aufgelistet, wer wie viel zu steuern habe [2, S. 35 ff]:

"jeder, der von nun an das Tharandter Bürgerrecht erlanget 4 Groschen

von jedem aufgenommenen Lehrling 1 Groschen

von jedem losgesprochenen Gesellen 2 Groschen

von jedem, der zum Meister gesprochen wird 4 Groschen

Handwerksgenossen, die sich zu auswärtigen Innungen halten 4 Groschen

jeder Auswärtige, der in Tharandt ein Haus oder irgend ein anderes Grundstück erkauft, zahlt von jedem Hundert der Kaufsumme 4 Groschen

bey Hochzeiten, Kindstaufen und Trauermahlzeiten wie bisher

in allen Nachmittagspredigten an Hohen Festtagen wird von nun an ein Klingelbeutel zum Besten der Orgelkasse herumgetragen"

Nur gut, dass dieser Beschluss ... mit der getilgten Orgelschuld auf(hört) ...". Andernfalls hätten die Tharandter bis heute noch für kirchliche Zwecke zu zahlen, statt für einfallsreiche Kommunalabgaben aufzukommen.

Angesichts dieses von Gemeinsinn getragenen Beschlusses der Tharandter Bürger ist es sehr wahrscheinlich, dass Pastor Voigt, mittlerweile vier Jahre Tharandts Seelenhirte, seinen Gedichtband von „Tarants schöne(r) Natur, in geselligen Liedern gefeiert" [1] unter die Leute brachte. Er muss das Lebensgefühl der Menschen damals gut getroffen haben, denn sein Büchlein für 20 Kreuzer verbreitete sich in Sachsen und hat sicher mit geholfen, die Orgelkasse zu füllen. Lassen wir seinen Gefühlsüberschwang am Beispiel eines Gedichtes auf uns wirken:

Beym Eintritt in Tarants Thäler

Willkommen, ihr lieblichen Höhen,
ihr Thäler voll seliger Lust,
ihr reizenden Schattengefilde –
Willkommen der fühlenden Brust!
Süß winkt ihr nach lastender Mühe
dem Wandrer, der zu euch entflieht.
Er freut sich der herrlichen Erde,
und träumt sich in Edens Gebiet.
Wie glänzt so buntfarbig die Aue!
Wie grünt so lebendig der Hain!
Wie tanzen die silbernen Wellen
durch Blumen so heiter und rein!
Dort hebt sich die graue Ruine
aus grüner Umschattung hervor:
So gattet die biedere Treue
sich gern mit der Fröhlichen Chor

Hier thront nicht in schauriger Größe,
nicht furchtbar und wild die Natur.
Hier spendet sie freundlich nur Segen;
Mild ist sie und liebevoll nur.
Schön ist sie, die Schöpfung, doch schöner
fürwahr! Ist sie nirgends, als hier.
O Wohnsitz elysischer Freuden!
Dir feiern, dir huldigen wir.
Wir winden Vergissmeinnichtkränze,
auf deinen Gefilden gepflückt,
Wir weihn sie der Freundschaft und Liebe,
von reiner Umarmung entzückt.
Auf ewig sey Trübsinn und Plage
aus deinem Gebiete verbannt!
Beglück´ uns, die feurig dir fühlen,
noch lange, geliebtes Tarant!

Der Enthusiasmus in der Gemeinde war so groß, dass man bereits im Januar 1805 vom Orgelbauer Johann Christian Kayser sen. aus Dresden einen Kostenvoranschlag erbat, obwohl die Kaufsumme für die Orgel noch nicht beisammen war. Kayser war der Sohn des Silbermannschülers Andreas Kayser, der die Orgelbauanstalt 1750 gegründet hatte.

Am 25. Januar 1805 wurde der „Contrakt" abgeschlossen. Zum Abschluss der Verhandlungen erhielt Kayser 100 Taler auf die Hand. Nach Kirchenrechnung erhielt er am 26. Mai 1805 weitere 50 Taler, am 6., 13. und 17. Juni je 10 Taler und am 5. Aug. zur Erfüllung 470 Taler; endlich als „Douceur" (Entschädigung) für Mehrleistung über den Vertrag hinaus noch 50 Taler. Dazu kamen 12 Taler „gratial" (Trinkgeld) den beiden Orgelbaugesellen zugute [3,S. 35].

Während die Orgel in der Kirche auf dem Berg schon Gestalt annahm, berichteten am 30. Juni 1806 Superintendent Dr. Titmann und Kreisamtmann Meißner dem Consistorium: „Schon seit mehreren Jahren hat die Kirchgemeinde zu Tharandt den notwendigen Entschluß gefaßt, das sehr schwache und kaum mehr brauchbare Orgelpositiv in der dasigen Kirche mit einer dem Umfange des Gebäudes und der Stärke der Gemeinde angemessenen neuen Orgel zu vertauschen. Gehemmt durch ihre eigene unvermögende Lage, mußten mehrere Hilfsquellen aufgesucht werden, aus welchen der mit dieser neuen Einrichtung verbundene sehr beträchtliche und nachdem beiliegende Anschlage des Orgelbauers Kayser eine Summe von 900 Thalern betragende Kostenaufwand bestritten werden konnte" [3, S. 34].

Aufgrund dieses Berichtes wurde seitens der Kirchenleitung der Orgelbau am 23. Juli 1806 offiziell genehmigt. – Hatten die Kirchväter Anno 1646 das Heft des Handelns noch selbst in der Hand, so treibt 150 Jahre später die Bürokratie ihre Blüten: Instanzen erlauben, was an der „Basis" schon längst Gestalt angenommen hat. Wir Heutigen wissen, dass die Bürokratie das öffentliche Leben inzwischen noch mehr durchdrungen hat. (Womöglich hätte heute ein ungenehmigter Orgelbau wieder beseitigt und gemäß geltendem Verwaltungsrecht neu begonnen werden müssen.)

Doch zurück zum Bauplatz: Kaysers Orgel wurde - im Unterschied zur ersten Orgel - an der Ostseite über dem Altar platziert. Sie hatte 15 Register (klingende Stimmen). Diesmal reichte das Geld endlich auch für ein Pedal (Bässe mit 8- und 16- Fuß- Pfeifen). Allerdings geht aus den Akten nicht hervor, welche Register im einzelnen eingebaut worden sind. Der besonders schöne 8 – Fuß – Prinzipal des Hauptwerkes wurde aber gelobt. Aus der ersten Orgel wurden keine Register übernommen.

Die neuen Register fanden hinter einem wunderschönen dreiteiligen, mit zwei Amphoren verzierten klassizistischen Orgelprospekt ihren Platz. Aus dem First strahlt symbolhaft eine aufgehende goldene Sonne. Der Orgelprospekt scheint getragen von den beiden unter ihm stehenden vergoldeten Säulen des Altars mit ionischem Kapitell. Das Mäandermuster im Portikus des Altars setzt sich über dem Orgelschrank fort. - Magister Voigt sagt bei der Einweihung der neuen Orgel, rückblickend auf das alte Instrument: „Das Gotteshaus hat eine wesentliche Zierde erhalten, mit welcher es vorher allzu dürftig versehen war."

Im Zusammenhang mit dem Orgelbau werden anerkennend Großopitzer Bauern genannt, die auf 5 Wagen unentgeltlich die Orgel von Dresden nach Tharandt gefahren haben. Die Großopitzer zeigten auf diese Weise ihre schon seit dem Jahre 1678 verbürgte Zuneigung zum Kirchspiel Tharandt. (Leider dauerte ihre Entlassung aus dem Kirchspiel Döhlen noch bis zum 1. Januar 1855). Mehr beiläufig wurde aber angemerkt, dass diese seltene Gelegenheit von den Fuhrleuten bauernschlau zum Feiern genutzt wurde: Für Wegzehrung verbrauchten sie 1 Taler, 12 Groschen und für eine abschließende Bewirtung wurden weitere 6 Taler, 10 Groschen verzecht, der Monatslohn eines Tagelöhners. Der Transport der alten Orgel nach Dresden war auch nicht unentgeltlich und kostete 1 Taler, 20 Groschen.

Während der Orgelvakanz wollte die Gemeinde natürlich nicht auf eine Orgelbegleitung im Gottesdienst verzichten. Mit einiger Überraschung lese ich, dass man sich zwischenzeitlich ein Orgelpositiv (wahrscheinlich vom Kantor, der damals in der der Klippermühle wohnte) aus der Klippermühle borgte.

Doch nun der Bericht vom Tag der Orgelweihe, den Kantor Sickert 1932 anhand von historischen Quellen wie folgt beschrieb:

„Die Weihe der neuen Orgel geschah am 3. August 1806 mit großer Feierlichkeit. „Um 8 Uhr zogen vom Schulhause sämtliche Schulkinder mit dem Morgengesange „Dir sei Preis, ich lebe wieder" paarweise bis vor die Pfarrerwohnung hinunter, holten die daselbst versammelten Honoratioren, als den Herrn Kreisamtmann Meißner aus Freiberg, den Herrn Pastor Voigt, Bürgermeister und Rathspersonen daselbst ab." An diese schlossen sich die übrigen daselbst versammelten Bürger mit an, und nun ging der Zug unter Anstimmung des Liedes „Nun danket all und bringet Ehr" mit Musikbegleitung und unter dem Geläut der Glocken über den Marktplatz hinter der Schule hinauf in die Kirche hinein. „Beim Eintritt in die mit Blumen bestreute Kirche, welche die Menge von Einheimischen und Fremden kaum fassen konnte, empfing die Einziehenden Trompeten- und Paukenschall, und unmittelbar darauf erfolgte ein Orgelsolo, das mit erhabener Kraft begann, sodann in sanfte Abwechslungen überging und mit voller Stärke wieder schloß. Der Pfarrer hatte sich mittlerweile vor das Altar begeben; die Jugend hatte einen gedrängten Halbkreis um dasselbe geschlossen, hinter welchem die Gemeindevorsteher sich gestellt hatten, und sowie das Alleinspiel der Orgel verhallt war, hielt der Prediger die (nachfolgende) Weiherede, auf welche unmittelbar mit Pauken- und Trompetenschall und voller Orgelbegleitung das Lied einfiel: „Nun danket alle Gott". – Die heilige Rührung der Versammelten drückte sich unverkennbar in tausend stillen Tränen aus." (M. Chr. Tr. Voigt „Altarrede und Predigt bei der Einweihung einer neuen Orgel", Dresden 1806). Nach geendigtem Gottesdienste ging der Zug in der nämlichen Ordnung wieder zurück.

Die Instrumentalmusiker und die Bauvorsteher sowie auch die Fuhrleute, welche den Herrn Orgelbauer Kayser mit seinen Werkzeugen nach Dresden gefahren, wurden für 17 Taler 4 Groschen bewirtet, desgleichen diejenigen, welche die Orgel vom Markte bis in die Kirche schafften. Mit einem Frühstück für 1 Taler 5 Groschen." [3, S. 35]

Diese „heilige Rührung der Versammelten" während der Einweihungsfeierlichkeiten kann jeder nachfühlen, der diese Geschichte bis hierher gelesen. Eine Gemeinde hat 80 Jahre nach einer neuen Orgel für ihre Gottesdienste verlangt. Und nun hat sie sich diesen Wunsch aus eigener Kraft erfüllt. Wer wollte da nicht glücklich sein!

Die neue Orgel in Gefahr

Auf den Tag genau ein Jahr nach der festlichen Weihe der neuen Orgel „... brach am 3. August 1807 nachmittags in der 2. Stunde in der Stadtbrauerei Schlicke neben dem Rathause Feuer aus, das sieben Häuser vernichtete. Vermutlich durch auffliegenden Talg der nahe liegenden Seifensiederei geriet die Kuppel des Kirchturmes in Brand. Der obere Teil des Turmes stürzte in Flammen herab, die Turmuhr wurde gänzlich zerstört, alle 3 Glocken schmolzen und der schöne Turm, der erst vor kurzem erneuert worden war, stand gleich dem Schlosse als Ruine da" [3, S. 13]. Zum Glück hatte man im Jahre vorher im Zusammenhang mit Baumaßnahmen auch einen Eingang an der Ostseite der Kirche geschaffen, durch den die Löscharbeiten bewerkstelligt werden konnten, so dass das Gotteshaus selbst vor dem Feuer verschont blieb. Aus Angst, die neue Orgel durch die Flammen zu verlieren, begann man dieselbe eilig abzutragen. Wir haben genug Fantasie uns vorzustellen, wie diese Rettungsmaßnahmen der neuen Orgel zugesetzt haben mögen.

In einer Bittschrift schildern die Tharandter Bürger König Friedrich August ihr Unglück. Als guter Landesvater bewilligte er umgehend und unentgeltlich am 9. Dezember 1807 das erforderliche Bauholz aus der Grillenburger Amtswaldung. Am 23. April 1808 folgte eine „Gnadenbeihilfe" von 300 Talern.

139 Einwohner gründeten einen Ausschuss und sammelten wieder Spenden. Allen voran Pastor Voigt mit 5 und Kantor Unger mit 3 Talern. Bemerkenswert ist auch hier wieder, dass 28 Großopitzer Bauern, u. a. Winkler, Roitzsch und Dittrich, als Ausdruck ihrer Verbundenheit zu Tharandt das Spendensäckel mit füllten. Speziell das Kapital zur Orgelrestaurierung entlieh man aus dem Böhmeschen und dem Schubertschen Legat. [2, S.44-54].

Die wiederhergestellte Orgel wurde am 9. Oktober 1808, zusammen mit den 3 neuen Glocken festlich eingeweiht. Von nun ab erhielt der Calcant für das Treten der Blasebälge an der neuen Orgel 3 Taler, 14 Groschen pro Jahr. Damals hielt sich die Inflation des Geldes noch in Grenzen. Bis zum Jahre 1873 kletterte das Entgelt auf nur 15 Taler.

Nachdem die alten Unterlagen zu uns gesprochen, haben wir allen Grund, im Jahre 2006 des 360. Jahrestages der ersten und des 200. Jahrestages der zweiten Orgelweihe zu gedenken.

Was ist aber nun von diesen Orgeln bis auf den heutigen Tag auf uns überkommen? Dies erfährt der Leser, wenn er die Broschüre „Die Tharandter Kirche ´Zum Heiligen Kreuz` und ihre Orgeln" zur Hand nimmt. Diese Broschüre ist im Pfarramt, Roßmäßlerstr. 40, in der Buchhandlung „Findus", während der „Offenen Kirche" in den Sommermonaten sonnabends und sonntags von 14 -16.00 Uhr oder nach den Gottesdiensten gegen eine Spende erhältlich, die zur Finanzierung des „Tharandter Orgelsommers" verwendet wird.

Quellen:

[1] Voigt, C. F. T. (ca. 1804): Tarants schöne Natur in geselligen Liedern gefeiert. Dresden, gedruckt bey Carl Gottlob Gärtner
[2] Locat II. Littera K. 29", Tharandter Kirchenarchiv
[3] Sickert, E. (1933): Kirche und Schule in Tharandt. Tharandter Kirchenarchiv
[4] Kirsten, W. (1987): Die Schlacht bei Kesselsdorf. Aufbau-Verl. 2. Aufl.