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Landhaus Villa "Harthaberg" bzw. "Anger" - Reichsbahnkurheim mit dem Charme von Versailles - André Kaiser, Kurort Hartha -
Die imposante Villa "Anger" bzw. "Harthaberg" in Kurort Hartha ist zweifellos das größte und eindrucksvollste Bauwerk im Villenensemble aus der Zeit der Jahrhundertwende am Hartheberg. Sie entstand 1902, wie die Jahreszahl an der Supraporte über dem ehemaligen Haupteingang belegt, als Landsitz des Architekten Prof. Anger aus Dresden.
Alwin Louis Chrostoph Anger wurde am 29. November 1859 in Hamburg geboren und starb 1924 in Lindau-Hoyren am Bodensee. Er studierte an der Baugewerks- und Gewerbeschule in Hamburg und später an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Anschließend in Leipzig tätig, entwarf er gemeinsam mit den Architekten Polster und Höhne die Stadtbibliothek Bremen (1893) und das neue Rathaus Wuppertal - Elberfeld (1894). Seit 1894 bzw. 1901 war er an der Kunstgewerbeschule in Dresden als Professor für Schattenlehre, Perspektive und Architektur angestellt. Er leitete dort die Allgemeine Abteilung "Perspektive - Geometrie" und beschäftigte sich neben architektonischen Aufgaben vor allem mit Innendekoration und Kunstgewerbe. 1902 nahm er an der Deutsch-Nationalen Kunstausstellung in Düsseldorf mit mehreren Villenplänen und einem Entwurf für das Provinzial-Museum Hannover teil. Unter den ausgeführten Bauten werden besonders die Villa "Weigang" in der Bautzner Weigangstraße 1 und sein eigenes Landhaus Villa "Harthaberg" in Kurort Hartha, Am Hartheberg 23, hervorgehoben. Bekannt wurde Prof. Anger auch durch sein 1911 in Dresden erschienenes "Neues Lehrbuch der Perspektive", in dem er die Perspektive als "unstreitig die grundlegende und daher unentbehrlichste Wissenschaft für alle bildenden Künste" bezeichnet.
Bereits 1901 kaufte Prof. Anger das Harthaer Grundstück von dem Dresdner Karl Richard
Fritzsche, der es 1899 vom königlich-sächsischen Privatfiskus (heute Staatswald)
erworben hatte. Während das Äußere der hoch aufragenden, damaligen Villa
"Anger" im Jugendstil gestaltet ist, findet man im Innern u. a. auch
neogotische, neobarocke und maurische-tudorianische Stilelemente. Die Hauptattraktion war
einst ohne Zweifel der heute nicht mehr in dieser Form erhaltene Speisesaal als
verkleinerte Ausführung des Spiegelsaales, wie er im Schloß Versailles bei Paris zu
sehen ist. 1921 wurde der Dresdner Großkaufmann Emil Wagner Besitzer der Villa, die in
einem Ortsprospekt von 1924 nun als Villa "Harthaberg" bezeichnet wird. 1924
erfolgte auch der Weiterverkauf des Objektes an die Deutsche Reichsbahn. Aufgrund der
Anerkennung und Auszeichnung Harthas als Luftkurort durch das vormals Kaiserliche
Gesundheitsamt Berlin konnte diese 1926 in der Villa ein (Frauen-) Erholungsheim der
Reichsbahn-Arbeiter-Pensionskasse III Dresden einrichten.
Der Erholungswert wurde 1928 mit klimatischen und hygienischen Vorzügen sowie dem milden,
gleichmäßig angenehmen Klima, einer angenehmen Vereinigung zwischen Wald- und
Gebirgsklima, und ausgeglichenen Witterungsverhältnissen begründet. Hauptkurmittel war
die kräftige, durchsonnte, ozon- und terpentinreiche Luft, die Höhenlage sowie die
wohltuende Ruhe des Kurortes. Empfohlen wurde der Kurort zur Anregung der Blutzirkulation
und des Stoffwechsels, bei Schwäche und Reizzuständen jeglicher Art sowie zu Nachkuren
nach Badekuren bzw. besonders geeignet für erfolgreiche Terrainkuren. Medizinische und
Kurbäder verabreichte man im Kurhaus. Des weiteren luden der Kurpark sowie das Luft- und
Sonnenbad am Hartheberg ein. Ende des II. Weltkrieges blieb Kurort Hartha Erholungsort.
Die Deutsche Reichsbahn richtete nach dem II. Weltkrieg in der Villa
"Harthaberg" das Betriebsgenesungsheim "Otto Rehschuh" ein. Inventar
und wertvolle Stuckdecken gingen leider nach und nach weitestgehend verloren. Lediglich
bescheidene Stuckreste erinnerten bald nur noch an die einstige Pracht. 1964 wurde als
Erweiterung ein Bettenhaus angebaut und das Heim bot dann 75 Kurpatienten Platz. Im
ehemaligen Steinbruch am Hartheberg entstanden ein kleiner Sportplatz und eine
Freiluft-Kegelbahn mit Gerätehaus. Das Gelände ist heute als Parkplatz ausgebaut. In den
70-ger Jahre fanden die Kurkonzerte des Ortes im Garten des Kurheimes statt. Noch vor der
Wende konnten die Fassade und das Dach weitestgehend erneuert werden. Die dabei nicht
wieder verwendeten originalen Dachbekrönungen wurden sichergestellt. 1990 übernahm das
Bundeseisenbahnvermögen die Gesamtanlage, 1991 bis 1993 wurde das Gebäude noch als
Pension genutzt, stand dann mehrere Jahre leer und verfiel zusehends.
Erst seit 1999 steht die Villa "Harthaberg" in der offiziellen
Denkmalschutzliste des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen. Im Zuge der Entwicklung
Kurort Harthas zum Kneipp-Kurort gibt es auch Zukunftsperspektiven für dieses historische
Ensemble. Während die Villa nach dem Verkauf an den Architekten Dieter Meusel im Oktober
2001 wieder zu Wohnzwecken umgebaut wird, bleibt für das Bettenhaus von 1964 weiterhin
die Perspektive einer Renaissance als Teil der sich etablierenden Kureinrichtungen. In den
letzten zwei Jahren wurden die Gebäude und das Umfeld zunächst beräumt, das später
angefügte Heizhaus abgerissen, die Grundmauern, das Dach und die Fassade saniert sowie
nach dem Freilegen mit der Restaurierung der historischen Stuckdecken und Wandmalereien
begonnen. Erfreulicher weise fanden sich unter Putz und Farbe noch beachtliche Reste der
Originalausstattung und wertvolle Details konnten vor der Zerstörung gerettet werden.
Auch die Außenanlagen und Teile der Innenausstattung lassen sich anhand von Unterlagen
der Nachfahren von Prof. Anger, die noch heute am Bodensee leben, rekonstruieren. Einen
Eindruck von der ursprünglichen Pracht der Innenräume kann man schon heute in der
bereits sanierten Villa "Weigang" in Bautzen gewinnen, die 1902/03 ebenfalls
nach Plänen von Prof. Anger mit einem ähnlichen Raumprogramm entstand.
Borsdorfer Äpfel - Deutsche Pomeranzen für die Gebirgsregion - Roland Hanusch, Freital -
Zu Zeiten Luthers wirkte in Breitenbrunn
in der St. Annaberger Inspektion der Pfarrer Wolfgang Uhle. Er schreib auf, was er
erlebte. Wir können es nachlesen in dem Buch "Die wahrhaften Geschichten des
Wolfgang Uhle, Pfarrer zu Breitenbrunn, von ihm selbst aufgezeichnet". Darin
beschreibt er einen Garten, den er sich dort angelegt hatte: "Auch unterschiedliche
Sträucher prangten da, Buchsbaum, so immergrün bleibet, Johannesbeerlein und türkische
Weinbeer und endlich gar obsttragende Bäume - denn unsere Luft ist nicht so rauh wie
verschrien, und es reifet allerlei Frucht, so man nur die richtigen Arten wählet. Ich
ersah Schwarzkirschen und Weichseln, Borsdorffer Äpfel und Klosteräpfel, Honigbirne und
Muskatellerbirn, blaue und grüne Pfläumchen und Quitten, daraus man ein kräftig Mus
bereitet, denn frisch vom Ast mag sie keines genießen."
Nichts da mit Holzäppelgebirge! Die richtigen Arten muss man wählen! Die Borsdorfer
Äpfel waren fürs Gebirge geeignet. Alfred Meiche greift in seinem Sachsen-Buch eine
Notiz von 1550 auf, in der heißt es: "... denn in der Ebene will der Borsdorfer
Apfel nicht gern wachsen, sondern lieber an hohen Orten, und wo es ein wenig gebirgig
ist."
In "Peter Albinus Meißnischer Land- und Berg-Chronika" von 1589 wird ebenfalls
mit darauf verwiesen: "Sonderlichen aber von den alten gemeinen Obsten sind für
andern gerühmt die Borsdorfer äpfel so umb die Stadt Maysen und derselben gegend dem
gebirge zu wachsen und dannen von dem Dorff Borsdorff in derselben refir namen haben.
Welche wegen ihrer güte im Sprichwort die deudschen Pomerantzen genennet werden. Wozu sie
sonderlich dienen, kann man von den Medicis erfahren, von welchen einesteils ich dies
gehöret, daß wider die Melancholian gebraucht werden."
Bereits im 15. Jahrhundert sollen auf den Märkten in Freiberg und Meißen die Borsdorfer
Äpfel zum Kauf angeboten worden sein.
1709 erschien in Hamburg ein Buch, darin steht: "In diesem herrlichen Meißen sind
die Borsdorfer Äpfel gleichsam eine "Peculiare" (d.h. Besonderheit) desselben
und von einem Dorf dieses Namens also genennet worden."
Borsdorf. Da gibt es ein Borsdorf bei Leipzig und ein Pohrsdorf am Tharandter Wald bei
Wilsdruff bzw. Kurort Hartha. Für letzteres, 1350 erstmals erwähnt, gab es im Laufe der
Geschichte 15 verschiedene Schreibweisen, früher ausnahmslos mit "B" bis
schließlich die Behörden die jetzige Schreibweise "Pohrsdorf" anordneten.
Jeder dieser beiden Orte spricht von seinen Borsdorfer Äpfeln.
August Schumann schreibt 1814 im "Staats-, Post- und Zeitungslexikon von
Sachsen" über Borsdorf und seine Äpfel: "Dafür, daß es sich um Borsdorf bei
Wilsdruff handelt, spricht das Gemeindesiegel des Ortes: Ein Apfelbaum mit Früchten. Der
Genuß dieser 'deutschen Pomerantzen' wurde namentlich schwermütigen Personen empfohlen.
Noch heute sind in der und jener Familie der dortigen Gegend Rezepte, von einem Arzt
geschrieben, zu finden. Sie enthalten die Verordnung 'Muß Meißner Früchte essen'".
Das Gemeindesiegel mit dem Apfelbaum führt der Ort schon seit mehr als 200 Jahren. Der
Ortschronist Arthur Schirmer schrieb: Alte Urkunden weisen darauf hin, dass die
Alt-Pohrsdorfer mit viel Geschick und großem Erfolge sich des Obstbaues befleißigten.
Der heimatliche Boden mochte wohl auch besonders für den Anbau geeignet sein. Chronisten
fanden heraus, dass der berühmte Borsdorfer Apfel schon im 13. Jahrhundert in der Gegend
um Tharandt und Wilsdruff gezüchtet wurde. Allgemein gelten die echten
"Borsdorfer" als eine spätmittelalterliche Züchtung, die weite Verbreitung
fand. Sie waren die ersten deutschen Winteräpfel! Bei normaler Witterung könne sie in
der zweiten Septemberhälfte geerntet werden. Es sind herb-liebliche, recht
wohlschmeckende, wenn auch kleinere bis mittelgroße Früchte. Noch der Brockhaus von 1939
bezeichnet sie als "eine sehr edle, wohlschmeckende, renettenartige Apfelsorte".
Von der einstigen Beliebtheit der Borsdorfer Äpfel zeugt ein "Nützliches Buch für
die Küche bey Zubereitung der Speisen". Es wurde um 1800 von einem Dresdner Koch
herausgegeben und enthielt an die 50 Apfelrezepte, von denen die meisten - wie Apfelschnee
oder Apfelsülze - längst in Vergessenheit geraten sind. Interessant ist, dass der
Herausgeber immer wieder die Verwendung von Borsdorfer Äpfeln empfahl, sie seien für
eine Vielzahl von Speisen besonders gut geeignet. Ihre Beliebtheit zeigt sich auch darin,
dass sie im 19. Jahrhundert in einem Weihnachtsgedicht genannt werden. 1880 erschien das
"Deutsche Sprichwörter-Lexikon" von K.F.W. Wander mit den Zitaten
"Aussehen wie ein Borsdorfer Apfel" und "ein Gesicht haben wie ein
Borsdorfer Apfel". Dazu existiert noch folgender Ausspruch: "Borsdorfer Äpfel
und Borsdorfer Mädchen werden nicht eher rot, bis man sie leget aufs Stroh", oft
wurde es auch auf alle Mädchen verallgemeinert. Der deutsche Dichter Jean Paul
(1763-1825) schrieb: "Unter den Menschen und Borsdorfer Äpfeln sind nicht die
glatten die besten, sondern die rauhen mit einigen Warzen!"
Jetzt hört man derartige Redewendungen nur noch selten, und leider ist es auch so, dass
der Borsdorfer Apfel bei gegenwärtig fast 1.500 Arten an Speiseäpfeln seit geraumer Zeit
keine Bedeutung mehr für den Obstbau besitzt. Die Pohrsdorfer Einwohner aber sind stolz,
dass ihre Vorfahren so berühmt gewordene Obstzüchter waren, und dass ihr Heimtdörfchen
den Äpfeln den Namen gab. Doch in den letzten Jahren ging selbst in Pohrsdorf die Zahl
der "Borsdorfer Apfelbäume" zurück. Die alte Sorte soll aber im Dorf wieder
heimisch werden! Es gab einen Aufruf: Junge Apfelbäume sollen mit Reisern noch
vorhandener Bäume veredelt werden und neue Bäume sollen gepflanzt werden. Einiges hat
sich im Ort schon getan und es gibt schon Erfolge. Eine Hetzdorfer Baumschule zog 30
Exemplare heran. Eine zum Tharandter Forstbotanischen Garten gehörende Streuobstwiese
wurde mit Borsdorfer Äpfeln bepflanzt.
Für die Pohrsdorfer Einwohner stammen Borsdorfer Äpfel selbstverständlich nur aus ihrem
Ort! Sie fühlen sich ihren Vorfahren gegenüber verpflichtet und kümmern sich weiter um
ihren "Borsdorfer Apfel". Vielleicht kommen eines Tages die Borsdorfer Äpfel
auch wieder auf den Freiberger Markt oder gar wieder in die Gärten der Erzgebirger!
Dieser Artikel erschien in "Erzgebirgische Heimatblätter", Zeitschrift für
Heimatfreunde 5/2004; der Nachdruck im Tharandter Amtsblatt erfolgte mit freundlicher
Genehmigung des Autors.
Aus dem 19. Jahrhundert: "Christkindelsmarkt"
Herbey,
Ihr Damen und Ihr Herren,
Hier giebts Rosinen, Mandelkern,
Nürnberger Pfefferkuchen;
Bisquit und guten Brandtwein,
Und Weihnachtsstollen, groß und klein,
Von besten Sorten Kuchen. |
Hier
Wälsche Nüsse, groß von Art,
Borsdorfer Aepfel, fein und zart,
Da müßt Ihr ja viel kaufen;
Es freut sich drauf des Kindes Sinn
und bringt damit den Abend hin,
statt draußen rum zu laufen. | 
In Tharandt war man lange im Bilde - Heinz Fiedler, Freital (Quelle: "Sächsische Zeitung" Freital) -
Es wird die Nähe Dresdens gewesen sein,
die der Fotoindustrie in unserer Gegend die Tore weit öffnet. Seit 1839 gilt Elbflorenz
als eine Stadt des Kamerabaus. 60 Jahre später ist man auch in unserer Heimat im Bilde.
Während man in Deuben, Döhlen und Potschappel zunächst die Entwicklung verschläft,
machen sich beherzte Unternehmer in Rabenau und mehr noch in Tharandt für den neuen
Industriezweig stark.
Mit der Jahrhundertwende tritt die Rabenauer Firma Alfred Brückner mit Atelierkameras an
die Öffentlichkeit. Monströse Modelle, die weite Verbreitung finden. In der Forststadt
gründet Ferdinand Merkel eine Firma zur Herstellung fotografischer Apparate. Die
Produktionsstätte am Opitzer Weg gelangt bald zu Ansehen.
Merkel, selbst ein tüchtiger Fachmann, lässt zunächst Plattenkameras anfertigen. In den
zwanziger und dreißiger Jahren prägen Boxkameras und zweiäugige Spiegelreflexkameras
die Produktion. Die "Reflecta", Prototyp einer leistungsstarken, zweiäugigen
Spiegelreflexkamera, geht auf ein Modell des Tharandter Unternehmens aus dem Jahre 1931
zurück.
Höhen und Tiefen: Woldemar Beier, ab 1923 erfolgreicher Unternehmer in Freital,
erhält am Opitzer Weg eine fundierte Ausbildung als Feinmechaniker. Als er sich 1913 von
Merkel verabschiedet, hat er den Meisterbrief in der Tasche. Otto Werner, Begründer einer
Verschlussfabrik, beendet 1911 mit Bestnoten eine dreijährige Lehre. Die allgemeine
wirtschaftliche Flaute geht an dem Tharandter Unternehmen nicht spurlos vorbei.
Absatzschwierigkeiten führen 1928 zum Konkurs der Merkelschen Fabrik. Gemeinsam mit
Friedrich Schmittchen sowie Fritz und Charlotte Richter ringt der Fabrikant um einen
Neuanfang. Zögernd bessert sich die Auftragslage. 1935 beläuft sich die Belegschaft auf
140 Mitarbeiter. Während des 2. Weltkrieges in das Rüstungsprogramm mit eingespannt,
wird der Betrieb 1945 total demontiert. Nach der Enteignung 1947 bahnt sich unter der
Bezeichnung VEB Kamerafabrik Tharandt ein Comeback mit der Reflecta I und II an. Im März
1950 ist eine weitere Umwandlung aktuell. Der Tharandter Betrieb wird dem Welta-Kamerawerk
Freital zugeordnet.
Ein junger Mann bricht auf: 1912 greift im Plauenschen Grund ein blutjunger Mann
nach den Sternen. Otto Werner, gerade mal 19, schickt sich an, ein Unternehmen aus dem
Boden zu stampfen. Der gebürtige Leipziger wird zunächst belächelt, man nimmt den
einstigen Merkel-Lehrling nicht für voll.
Werner schert sich nicht um Frotzeleien und hämische Kommentare. Am Anfang seiner
Frabrikantenlaufbahn stehen fotografische Zentralverschlüsse. In den Räumen des
späteren Capitol-Kinos kurbelt er in kleinen Dimensionen die Produktion an. Es dauert
nicht lange und seine Erzeugnisse sind so gefragt, dass er sich vergrößern muss. Werner
breitet sich im Knielingschen Ofenbau aus. Eine Zwischenstation, der sich 1923 die
Übersiedlung in die Tharandter Klippermühle anschließt. Sieben Jahre später geht er in
der Talmühlenstraße, im Gebäude eines ehemaligen Kalkbergbaus, vor Anker. Gemeinsam mit
seinem Sohn gelingt Otto Werner die Entwicklung neuer Verschlüsse von hoher Qualität. In
den ersten Nachkriegsmonaten hält man sich mit der Fertigung von Haushaltsartikel über
Wasser. 1947 läuft das Verschlussprogramm wieder auf vollen Touren. Zwischen 1961 und
1964 werden in der Talmühlenstraße über 20 000 programmgesteuerte
Juniormat-Verschlüsse produziert. Abnehmer sind bekannte Kamerabauer in Dresden und
Freital. 1972 vollendet sich Otto Werners arbeitsreiches Leben.
1972 wird der Schwiegersohn des Firmenbegründers, Ernst Gunkel, zum Direktor der
inzwischen verstaatlichten Firma berufen. Die Zeichen stehen weiterhin auf Veränderung.
1974 kommt es zur Angliederung des VEB Fotoverschlüsse Tharandt an die Kamerafabrik
Freital. Seit der Wende ruht die Arbeit.
Fabrikation im Albertsalon: Dritter im Bunde: Mechanikermeister Georg Ebigt. Mit
geringen Mitteln baut er 1920 eine Fabrikation für fotografische Verschlüsse auf. Die
einstige Lagerhalle des Hotel-Restaurants Albertsalon wird zum Fabrikationssaal mit
angrenzendem Kontor. Bis zu 35 Mitarbeiter stellen Verschlüsse für Boxkameras und
Lichtbildgeräte her. Als 1927 die Forstliche Hochschule das Grundstück aufkauft,
quartiert sich der Betrieb im Holzlager einer Tischlerei in der Heinrich-Cotta-Straße
ein. Das Schicksal der Firma nach 1931 ist nicht bekannt. Im Juli 1959 ereilt Georg Ebigt
in Karlsruhe der Tod.
Tharandt und seine 750-Jahr-Feier im Jahre 1956 - Wolfgang Heinitz, Tharandt -
Allenthalben hört und liest man von der
800-Jahr-Feier Dresdens im Jahre 2006. In einer Urkunde aus dem Jahre 1206 wurde Dresden
zum ersten Male urkundlich erwähnt. Nun fragt sich so mancher geschichtlich interessierte
Tharandter Einwohner, weshalb wohl Tharandt nicht auch sein 800-jähriges Bestehen im
Jahre 2006 begehen will: denn Tharandt feierte doch 1956 - wie auch Dresden - das
750-jährige Stadtjubiläum aufgrund derselben in Dresden ausgestellten Urkunde. Es war in
dieser von einem castellum Thorun zu lesen, von dem angenommen wurde, dass es
der erste Hinweis auf das Bestehen einer Ansiedlung auf dem Tharandter Territorium sei.
Durch diese Urkunde wurde verfügt, dass das castellum Thorun zu schleifen sei, weil es
auf meißnischem Gebiet errichtet wurde. Die Geschichtsforschung spaltete sich damals in
zwei Lager. Das eine (Trautmann) behauptete, Thorun sei gleich Tharandt zu setzen und
versuchte das durch verschiedenste Deutungen, auch der des Namens Tharandt, zu
untermauern, während die andere Seite (Meiche) der festen Meinung war, dass Thorun in
Pesterwitz zu suchen sei. Ihm stellte sich der Namensforscher Fleischer zur Seite, indem
er den Namen Tharandt von einem deutschen Sprachstamm herleitete. Aus Thorun konnte, so
wies er nach, sprachlich niemals Tharandt werden. Um 1955 trat aber ein weiterer
Historiker (Michaelis) hervor, der wie einst Trautmann glaubte, exakt nachweisen zu
können, dass man Tharandt mit Thorun gleichsetzen müsse. Die Stadtväter stellten sich
damals hinter die Darlegungen dieses Wissenschaftlers und beschlossen, 1956 das
750-jährige Bestehen der Burg als den Beginn einer ersten Ansiedlung auf dem Tharandter
Burgberg gebührend zu feiern. Inzwischen kam allerdings nun noch in jüngster Zeit eine
dritte Variante in Betracht; den Ortsnamen Tharandt zu deuten, denn es gab bis in das
15.Jahrhundert hinein in unserer Gegend weit verbreitet Menschen, die aus dem Geschlecht
der Tarante stammten. Ein Burghauptmann Boriwo de Tharant trat in
einer in Dresden am 21.Januar 1216 ausgestellten Urkunde als Zeuge auf. In Südtirol bei
Naturns im Etschtal wird noch heute die Burg Tarantsberg bewohnt. Es besteht
also die Möglichkeit, den Namen Tharandt von diesem Geschlecht herzuleiten, das in dieser
Gegend beheimatet war. Es gab zunächst nur die Burg, der tarant genannt,
während die später um die Burg herum entstandene Ansiedlung sich Granaten
nannte.
Einige Zeit nach 1956 wurde aber dann doch schlüssig nachgewiesen, dass Thorun in
Pesterwitz auf dem Burgwartsberge zu suchen sei, was seitdem von niemandem mehr bezweifelt
wird. Die Bodenfunde bewiesen, dass das catellum Thorun, wie in dieser Urkunde gefordert,
geschleift worden ist, weil es eine Ansiedlung der Burggrafen von Dohna - den
Donins - war, die durch den Bau des Kastells über die Weißeritz hinweg auf
meißnische Gebietsansprüche traf. In dieser spätmittelalterlichen Zeit galt der
Flusslauf der Weißeritz als eine natürliche Grenze zwischen dem dohnaischen und
meißnerischen Herrschaftsgebiet, die einzuhalten war. Die Dohnaer Burggrafen besaßen
später die Burg Rabenau und stießen in dieses Gebiet vor.
Die erste urkundliche Erwähnung Tharandts fällt also in das Jahr 1216, somit müssen wir
uns bis 2016 gedulden, damit dann auch wir unsere 800-Jahr-Feier begehen können.
Als der Beschluss 1955 gefasst worden war, das Bestehen des 750 Jahre alten Tharandts zu
feiern, begann eine für die damalige Zeit kaum für möglich gehaltene Zustimmung aus
allen Kreisen der Einwohner. Der damalige Bürgermeister Paul Krüger überließ die
meisten Initiativen den Bürgern, die sich für dieses große Ereignis engagierten. Und er
tat recht daran! Innerhalb des Kulturbundes entstanden die ersten Ideen. Die
Stadtverwaltung klinkte sich fest mit ein und sorgte für die Verwirklichung auf
organisatorischem Gebiete.
Es bildete sich eine Gruppe aus Mitgliedern des Kulturbundes, der Forstlichen Hochschule
mit dem Dresdner Wissenschaftler Dr. Coblenz, die das erste Heft Forststadt
Tharandt", Beiträge zur Heimatgeschichte in Angriff nahmen. Rudolf Weber
sorgte für die Koordinierung der Beiträge und den späteren Druck dieser
Veröffentlichung. Wenige Tage vor Beginn der Feierlichkeiten ist es erschienen. Acht
weitere Hefte erschienen in den folgenden Jahren bis 1986.
Eine Programmkommission konstituierte sich ebenfalls und legte fest, dass die Feier vom
Sonnabend, dem 26.Mai bis zum Sonntag, dem 3.Juni 1956 stattfinden solle. Nun lag es
zuerst in den Händen von wenigen Bürgern unter meiner Leitung, für die Festtage ein
buntes Programm zusammen zu bekommen, das für jeden etwas bot. Und schon tauchte die
erste Schwierigkeit auf. Wo sollten denn die zu planenden Großveranstaltungen
stattfinden? Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder auf dem Sportplatz im Badetal
(darauf steht heute der Judeich-Bau) oder auf dem Sportplatz an der Klippermühle (damals
noch weitläufig nutzbar). Der Sportplatz am Stadtbad lag zwar zentral, aber man musste
dort die Geräusche der Eisenbahn, einer damals stark befahrenen Strecke, und den
Autolärm der dicht daran vorbeiführenden Straße in Kauf nehmen. Wollte man sich für
den zweiten Standort entscheiden, der am Rande der Stadt gelegen war, so war ein nur
geringer Autolärm erkennbar, aber die Besucher hatten eine größere Wegstrecke
zurückzulegen. An beiden Orten bot sich bei eventuellem Regen eine Ausweichmöglichkeit
an: Im Badetal der Saal des Stadtbad-Hotels und an der Klippermühle der damals noch
vorhandene große Saal, der dann 1958 dem Hochwasser zum Opfer fiel. Nach heftigen
Debatten des Für und Wider wurde der Sportplatz an der Klippermühle auserkoren. Allen
Unkenrufen zum Trotz pilgerten zu den Festtagen Massen von Menschen diesem Ziele zu.
Es ist sicher vorstellbar, dass bei der Planung zu den Veranstaltungen sich Hürden
aufbauten, die von uns zu überspringen waren, wo wir auch zeitweise ins Stolpern gerieten
oder diese einfach nicht überspringen konnten. Wir waren aber damals ein Team, das vom
Optimismus geprägt war, weil wir unbedingt dieses Fest allen zum Erlebnis gestalten
wollten. Unser damaliger mit großer Verantwortung beladener Finanzmann der Stadt, Josef
(Jupp) Hauptmann, könnte diese Meinung bestimmt mit allem Nachdruck
unterstützen. Als das Fest vorbei war, waren alle Organisatoren geschafft, aber
glücklich, weil nämlich die wichtigste, aber nicht vorhersehbare Komponente, das Wetter,
uns warme Sonnentage bescherte. Wir mussten nicht einmal des Wetters wegen in einen Saal
mit begrenzten Sitzmöglichkeiten einziehen, sondern der Platz, der über tausend Menschen
aufnehmen konnte, stand an jedem Tag zur Verfügung. Es gab zwei Veranstaltungsorte: Die
Freilichtbühne an der Klippermühle und dazu den großen Saal des Stadtbad-Hotels, der
800 Besucher aufnehmen konnte.
Schließlich glaubten wir drei Wochen vor dem Beginn der 750-Jahr-Feier, dass alles das,
was wir mit Mühe organisiert hatten, auch zu hundert Prozent über die Bühnen gehen
würde. Doch es kam anders, aber im positiven Sinne! Ein Telegramm vom Rundfunk traf
Anfang Mai im Rathaus ein. Bunter Abend" am Sonnabend, dem 26.5.56 vorgesehen.
Wir bitten um Antwort.. Diese Mitteilung beflügelte alle Verantwortlichen, auch
diesen kaum für möglich gehaltenen Programmpunkt noch mit Akribie vorzubereiten.
Wir wollten den ersten Tag unserer Feier, den 26. Mai, mit dem Meilerfest beginnen. So
geschah es auch, um 10 Uhr wurde der Meiler gezündet. Da staunten wir schon über die
vielen Menschen, die sich hier eingefunden hatten. Um 14 Uhr fand der Festakt im
Stadtbad-Hotel statt. Am Abend stellte sich dort der Rundfunk mit einem attraktiven
Programm vor, wobei auch die Geschichte der Stadt, die sie bei uns erfragt hatten, eine
wesentliche Rolle spielte. Es saßen 950 Bürger unserer Stadt im Saal, selbst der
kleinste Winkel war für einen Sitzplatz genutzt worden. So hatten wir uns den Beginn des
Festes erträumt; nun war es doch noch, nach vorheriger Absage, Wirklichkeit geworden!
Der Sonntag, der 27. Mai, begann mit einem großen Wecken der Jagdhornbläser der
Hochschule und des Spielmannszuges der Freiwilligen Feuerwehr. Auf dem Platz am
Stadtbad-Hotel begannen sportliche Wettkämpfe. Das Blasorchester der Bezirksbehörde der
Volkspolizei aus Dresden gab auf dem Markt ein bejubeltes Konzert.
Um 13 Uhr setzte sich der Festzug, in dem die 750 Jahre Tharandter Geschichte in 12 bunten
Bildern dargestellt wurde, in Bewegung. Voran ritten drei Herolde, denen die Darsteller
von Bewohnern der Burg folgten. Markgraf Heinrich der Erlauchte <Erleuchtete>
führte den mittelalterlichen Jagdzug an. Es wurde des Jahres 1609 gedacht, als Tharandt
das Stadt- und Marktrecht erhielt. Die Entdeckung von heilendem Quellwasser im Jahre 1793
war dann das weitere Thema. Im langen Zug stellten sich die Badegäste vor, denen ein
Hochzeitszug aus der Zeit des Biedermeier folgte. Der seit 1818 mögliche Postverkehr
wurde durch das Gelb der Bediensteten und einer Postkutsche aus dieser Zeit dargestellt.
Auch die Fuhrwerker, die einst aus dem Erzgebirge kamen und Waren nach Dresden
beförderten und dabei auch Tharandt berührten, waren, prächtig bekleidet, im Festzug.
Truppen aus der Zeit der Völkerschlacht von 1813 zogen an den Zuschauern vorüber.
Die 1816 gegründete Forstakademie zeigte sich mit Professoren im Bratenrock und
Forststudenten in ihren schmucken Uniformen der damaligen Zeit. Die Revolutionäre von
1848/49 und Angehörige der Tharandter Kommunalgarde schlossen sich im Festzug an. Im
nächsten Bild sahen wir, wie sich der Fortschritt der Technik in unserer Stadt bemerkbar
machte. Feuerwehrleute mit ihrer Spritze, Eisenbahner, die auf der 1855 gebauten Strecke
Dresden-Tharandt ihren Dienst taten, Laufrad- und Hochradfahrer dokumentierten diese
Entwicklung. Aber auch Tharandter Originale gaben sich ein Stelldichein: Der
Schneidermeister und Waldläufer Keller, Karl; der bis Teplitz ins Bad laufende Irmscher,
Otto; die Nachtwächter Uhlemann und Musch; der Wachtmeister Tittmann (genannt Fettbemme);
Ehrlichs Anne mit dem Pilzkorb und der Studentendiener Christ. Sie prägten um 1900 mit
das Gesicht unserer Stadt. Die nächsten Bilder zeigten, welche Gefahren und Nöte
Kriegszeiten im 20. Jahrhundert über die Menschen brachten. 87 Einwohner von Tharandt und
Großopitz starben im 1. Weltkrieg; der 2. Weltkrieg forderte 107 Tote. Den mutigen
Männern und Frauen, die sich den kriegslüsternen Herrschern entgegenstellten, wurde in
diesem Bilde gedacht. Im letzten Teil des Festzuges stellten sich die Einwohner vor, die
mit großem Enthusiasmus die Geschicke in der 1949 gegründeten DDR in die Hand genommen
hatten: Arbeiter aus volkseigenen Betrieben, Bauern, Handwerker und Gewerbetreibende.
Studenten der Forsthochschule, Schüler der Tharandter Schule als Pioniere, Sportler, eine
Gruppe von Volksmusikanten, Imker, Obstbauer, Kleingärtner, Tierzüchter. Den Zug
beschloss im offenen Auto der Bürgermeister mit den Stadträten.
Ein solcher etwa einen Kilometer langer Festzug bedurfte natürlich einer intensiven
Vorbereitung. Der dafür Verantwortliche war Herr Bieber. Sein Aufruf an die Tharandter
Bevölkerung, sich als Mitwirkende zur Verfügung zu stellen fand ein großes Echo. Wir
brauchten für den Festzug viele Pferde. Die Großopitzer und einige Grumbacher erfüllten
alle unsere Wünsche. Viele Forststudenten reihten sich mit in die Reihe der Darsteller
ein. Die Begeisterung für das Mitwirken an diesem Riesenprojekt war enorm. Am Ende war
ein Aufatmen bei den Mitgliedern des Festkomitees zu hören, als Herr Bieber uns
mitteilte, dass alle Darsteller für den Festzug gefunden worden waren. Nun mussten
Kostüme ausgeliehen werden. Die Dresdner Verleihinstitute lieferten, was wir brauchten,
mit der Bitte das Ausgeliehene sofort zurückzuschicken, da Dresden kurz nach uns seine
Feier ausrichtete.
An diesem Sonntag standen Menschenmassen, wie wir sie noch nie in Tharandt gesehen hatten,
an der Strecke. Im großen Saal der Klippermühle waren letzte Unebenheiten noch schnell
ausgebügelt worden; und dann begann das schönste Schauspiel, das in Tharandt je
aufgeführt worden ist. Wir sagten: Da muss doch in den umliegenden Dörfern und Städten
niemand mehr zu Hause geblieben sein. Den Weg des Festzuges, der von der Wilsdruffer
Straße durch das Schloitzbachtal ins Badetal bis zum ehemaligen Wehr und wieder zurück
nach der Klippermühle an schön geschmückten Häusern vorbei führte, umsäumten froh
gestimmte Bürger aus nah und fern.
Auf der Freilichtbühne an der Klippermühle war inzwischen das Tanzorchester Alo Koll
eingetroffen und bereitete sich für eine große Bühnenschau vor. Neben dem führenden
Rundfunktanzorchester Leipzig existierte dieses Konkurenzunternehmen und bot
beste Unterhaltung. Sie brachten die beiden damaligen Starsänger der DDR Brigitte Rabald
und Fred Frohberg mit. Um 16.30 Uhr waren der Sportplatz und alle Höhen rundum von
begeisterungsfähigen Menschen besetzt. Am Abend bildete im Stadtbadsaal eine große
Tanzveranstaltung mit dem Orchester Alo Koll und den Sängern den Abschluss dieses
ereignisreichen Tages.
An allen Festtagen fanden am Meilerplatz im Breiten Grund verschiedenste musikalische
Veranstaltungen statt. Diese Art der damals begonnenen Festlichkeiten wird auch heute noch
in Verantwortung der Freiwilligen Feuerwehr Tharandts gepflegt.
Am Montag, dem 28. Mai, wurden Führungen durch den Forstgarten und
den Tharandter Wald angeboten, während auf der Freilichtbühne am Abend die
Volkskunstgruppen des Edelstahlwerkes und des Wilsdruffer Spiegelwerkes ihren Auftritt
hatten. Auch hier waren die Besucher begeistert von den Vorführungen dieser Schar von
einheimischen Laienkünstlern. Das war aber auch ein Tag des Luftholens für die
unmittelbar Verantwortlichen, bevor die nächsten Großveranstaltungen zu bewältigen
waren.
Und so kündigte sich, am Dienstag, dem 29. Mai, der nächste
Höhepunkt unserer Feier an. Um 19.30 Uhr standen die jungen Sänger des Dresdner
Kreuzchores unter der Leitung von Kreuzkantor Rudolf Mauersberger auf der Bühne. Ich
konnte schon dem Einsingen des Chores im Klippermühlensaal beiwohnen und erinnere mich
noch gern an die freundlichen Worte des Kreuzkantors, die er für mich übrig hatte. Als
er erfuhr, dass ich Lehrer bin und musikalisch sehr interessiert, ergab sich zwischen uns
ein Gespräch über Pädagogik und Musikauffassungen, das mir sehr viel gab. Vielleicht
noch eine kleine Episode vom Einsingen. Plötzlich brach Professor Mauersberger ab,
schaute in die Runde der jungen Sänger und bemerkte: Der weltberühmte Kreuzchor
glaubt, hier in Tharandt die Aussprache des Textes vernachlässigen zu können. Was soll
ich den Zuhörern sagen? Entschuldigen Sie bitte, von Dresden bis Tharandt ging den
Kreuzchorsängern die Genauigkeit der Textaussprache verloren. Ein großer Musiker
und ein ebensolcher Pädagoge!
Am Nachmittag hatten wir die zehn ältesten Einwohner zu
uns ins Stadtbad-Hotel eingeladen, um sie zu ehren. Mit Autos wurden sie von ihrer Wohnung
abgeholt. Ein Fahrer kam unverrichteter Dinge zurück. Ausgerechnet den ältesten
90jährigen Briehme, Wilhelm hatte er nicht angetroffen. Kaum gesagt, bog dieser um die
Ecke mit der Bemerkung: Na, so alt bin ich nun doch noch nicht, dass Ihr mich mit
dem Auto holen müsst. Als die Ehrung vorbei war, beeilte ich mich, auf kürzestem
Wege vom Stadtbad nach der Klippermühle zu kommen. Es herrschte ein Riesenandrang. Ich
half beim Einlassdienst. Und wer drückte mir schon nach wenigen Minuten die
Eintrittskarte in die Hand? Briehme, Wilhelm! Er habe heute leider wenig Zeit zum
Abendbrot gehabt, meinte er lakonisch. Das sind bleibende Erinnerungen an ein großes
Fest!
Der Mittwoch, der 30. Mai, wurde von uns zum Tag des Forstes deklariert.
Ausstellungen, Lehrfilme berichteten von der Arbeit dieser wissenschaftlichen Einrichtung
unserer Stadt. Am Vormittag und frühem Nachmittag fanden Führungen durch Wald und
Forstgarten zahlreiche Interessenten. Der Klang der Jagdhörner drang von der Ruine
herunter in alle Täler. Um 16 Uhr sprach der Minister für Land- und Forstwirtschaft der
DDR über die nächsten Aufgaben, die uns auf forstlichem Gebiet bevorständen. Punkt 20
Uhr begann auf der Freilichtbühne der Große Grüne Abend.
Die enge Verbundenheit zwischen Hochschule und Einwohnern wurde offensichtlich. Der Donnerstag, der
31. Mai, gehörte dem Sport. Das Gelände am Sportplatz der Klippermühle und die darauf
befindliche Freilichtbühne wurden genutzt, um die Vielfältigkeit der sportlichen
Betätigung in Tharandt zu demonstrieren. Bei Beginn der Dämmerung erklang auf dem Platz
zwischen den altehrwürdigen Mauern der Burgruine vor vielen Hörern eine
Burgruinenserenade von einem Ensemble dargeboten, das sich vorwiegend aus Tharandter
Bürgern zusammensetzte.
Am Freitag, dem 1. Juni, dem Tag des Kindes,
übernahm die Schule das Kommando. Der Vormittag wurde zur sportlichen Betätigung
genutzt. Auf dem Schulhof und auf dem Platz an der Klippermühle wurde dann am Mittag den
Schülern ein Festessen mit musikalischer Umrahmung kredenzt. Am Nachmittag strömten
viele Besucher zum großen Saal des Stadtbad-Hotels, denn es war ein Heimatspiel Die
silberne Glocke einstudiert worden. Am Abend waren dann besonders die Tharandter zu
Gast, um dem Theaterstück beizuwohnen. Noch zwei Tage standen uns bevor. Das zweite
Wochenende während unserer Feier erhielt noch einmal eine große Ausstattung. Am
Nachmittag des 2. Juni zeigten die Kunstturner aus Freital und Umgebung, was sie drauf
hatten und ernteten großen Beifall. Das Donnern der Füße der Kunstturner auf dem
Holzboden der Freilichtbühne war kaum verhallt, da sprangen schon Mitglieder des
Sorbischen Volkskunstensembles aus Bautzen über die Bretter und zeigten ihre Tänze in
bunten Trachten und sangen Lieder aus ihrer sorbischen Heimat. Ein begeisterndes Bild
voller Abwechslung, das sich den vielen Besuchern bot.
Am Sonntag, dem 3. Juni trafen sich die Chöre des Kreises Freital zum Kreissängerfest in
Tharandt. Nach einem von ihnen hübsch gestalteten Festzug durch die Stadt boten sie auf
der Freilichtbühne ein Chorkonzert, wobei die große Leistungsfähigkeit der Chöre des
Kreises Freital zum Ausdruck kam.
Als sich die 750-Jahr-Feier dem Ende zuneigte, kam vom Rat des Bezirkes Dresden bei uns
eine erfreuliche Nachricht an: Die Stadt Tharandt erhält als Anerkennung für die
geleistete Arbeit zu dieser Feier eine vollständige Ausstattung mit Musikinstrumenten zum
Aufbau einer Stadtkapelle. Innerhalb kurzer Zeit waren die Musiker gefunden und zu allen
möglichen Gelegenheiten erklang Blasmusik in den Tharandter Tälern. In den sechziger
Jahren ging der neu gebildete Klangkörper immer mehr in seiner Mitgliederzahl zurück, da
viele jugendliche Kräfte zur Armee eingezogen wurden. Die Übriggebliebenen schlossen
sich dann der Blaskapelle in Freital an.
Am letzten Tag der ereignisreichen Woche versammelten sich um 21 Uhr die Tharandter,
Erwachsene und Kinder, an der Klippermühle zu einem Lampion- und Fackelzug, und
durchliefen noch einmal die Strecke des vorsonntäglichen Festzuges. Ein Buntfeuer
erhellte die Mauern der Burgruine, die ja der Anlass war, der vergangenen 750 Jahre zu
gedenken.
Wir trösten uns damit, dass wir mit Sicherheit behaupten können, dass es auch 1206 die
Burg schon gab, nur wurde eben erst 1216 eine erste urkundliche Erwähnung registriert.
Nehmen wir uns also 2016 das hervorragend gelungene Fest von 1956 zum Vorbild und
versuchen mit einem ähnlichen Enthusiasmus, das 800-jährige Tharandt in einen Festrausch zu versetzen!

Die Tharandter Kirche Zum Heiligen Kreuz und ihre Orgeln - Dr. Christoph Richter, Tharandt -
Am 14. Mai wird der diesjährige
Orgelsommer mit einem Benefizkonzert eröffnet. Für viele Musikfreunde ist das mit einem
Hörvergnügen der besonderen Art verbunden, denn die Tharandter Orgel hat
etwas. Immer wieder spielen hervorragende Organisten auf diesem Instrument. Die
Orgel und die Akustik des Kirchenschiffs bilden eine Einheit, dessen Reiz sich kein Hörer
entziehen kann. In diesem Jahr jährt sich nun zum 200. Mal die Orgelweihe der
Kayser-Orgel von 1806, Grund genug, einmal die Geschichte der Tharandter Orgeln anhand des
Archivmaterials nachzuerzählen. Je tiefer man in die Akten eindringt, desto mehr
verbindet sich die Geschichte der Orgeln mit der Geschichte der Stadt Tharandt und deren
Einwohnern, ja, sogar mit den großen politischen Ereignissen im Land Sachsen.
Was hat ein Gedichtband mit einer Orgel zu tun?
Vor einigen Jahren fiel mir die Kopie eines kleinen Gedichtbandes [1] in die Hände mit dem Titel: „Tarants schöne Natur, in geselligen Liedern gefeiert, von C. F. T. Voigt, Prediger in Tarant".
In diesem Büchlein beschreibt Mag. Dr. Christian Friedrich Traugott Voigt, ein gelehrter und geistreicher Mann und Doktor der Philosophie, begeistert und voller Poesie die anmutige Schönheit der Tharandter Täler, preist die Stadt und Persönlichkeiten, die sich um das Wohl derselben verdient gemacht haben. Gedichte wie:
„Beym Eintritt in Tarants Thäler", über die „Gesellschaftswiese bey dem neuen Badehause", „Auf den Ruinen", „In den heiligen Hallen", „Im Sonnentempel", „Am Altar der abwesenden Freunde" und „Auf dem Ausritt an der Morgenseite der Kirche" drücken auf anrührende Weise die Empfindsamkeit der Menschen in der Zeit der Romantik aus.
Eine Bemerkung auf dem Titelblatt des Heftchens machte mich neugierig: „Preis: 1 Zwanzigkreuzer. – Der Ertrag: zur inneren Verschönerung der dasigen Kirche und besonders zum Bau einer neuen Orgel."
Der Gedichtband ist undatiert. Pastor Voigt predigte aber von 1799 bis 1813 in der Tharandter Kirche. Bekannt ist auch die Orgelweihe vom Jahre 1806. Also musste dieses Gedichtbändchen vorher in Umlauf gekommen sein, denn es zielt auf die Spendenfreudigkeit der Käufer ab. - Wenn 1806 Orgelweihe gewesen ist, dann ist folgerichtig 2006 das zweihundertjährige Jubiläum dieser Orgel. Gab es aber später nicht wesentliche Veränderungen an der Orgel? Was wurde verändert? Ist es eigentlich noch im Inneren die alte Orgel? Und musste es nicht auch mindestens eine Vorgängerorgel zu der von 1806 gegeben haben?
Der Weg bis zur ersten Orgel
Wer Fragen hat, sollte sich zu den Quellen begeben. Und die überlieferten Dokumente nahmen mich gefangen. In meiner Suche nach näheren Umständen zu Tharandts Orgeln tauchte ich im Kirchenarchiv gleichsam in die Geschichte der Stadt ein. Schriftliche Angaben aus diesem Archiv reichen bis zum Jahre 1555 zurück. Am 28. April dieses Jahres wurde Donat Menzel in sein Amt als erster Pfarrer in das neue Kirchspiel Tharandt eingeführt.
Unter: „Acta, den Chor und Orgelbau betreffend" [2] sind alle Unterlagen zwischen 1642 und 1808, auf handgeschöpftem Büttenpapier und mit Gallus- Tinte beschrieben, säuberlich gebunden und - einschließlich der gefalteten Briefumschläge - abgeheftet. Aber auch der Kantor in Tharandt, E. Sickert, liefert mit seiner Chronik zu Kirche und Schule Tharandts von 1933 [3] zum Teil detaillierte Informationen zu den Orgeln.
Man stelle sich vor: Der 30jährige Krieg ging in sein 24. Jahr. Da bietet 1642 der „Orgelmacher" Koch für die von 1626 bis 1631 neu erbaute Kirche „Zum Heiligen Kreuz" einen Orgelneubau an [2, S. 5]. Offensichtlich gab es vorher zwischen ihm und den Tharandter „Kirchenvätern" (heute spricht man von Kirchenvorstand) bereits diesbezügliche Gespräche. Dass diese Gespräche ernsthaft gewesen sein müssen, geht schon daraus hervor, dass man eine Seite wertvollen Büttenpapiers für diese Information opferte. Es scheint den Bürgern sehr ernst damit gewesen zu sein, allen Kriegswirren zum Trotz zur neuen Kirche nun auch eine neue Orgel zu erhalten. - Das Lied war seit der Reformation fester Glaubensbestandteil und aktive Teilhabe der Menschen am Gottesdienst. Bereits 1524, wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag, schuf Johann Walter (1496 – 1570) das erste evangelische Kirchengesangbuch. Von einer Orgel, die den Gemeindegesang begleiten könnte, träumte
seither sicher jede Gemeinde.
Der damalige Pfarrer A. Adam Schneider, ein rühriger Mann, schwankte offensichtlich zwischen Pflicht und Neigung. Einerseits fehlte Geld für das Überlebensnotwendige, so dass eigentlich nicht an den Kauf einer Orgel zu denken war, andererseits lockte 1645 ein Johann Ziegler mit dem Angebot, ihm ein preiswertes Orgelpositiv zu verkaufen.
Umso mehr war ich von einer „Aktennotiz" des Pfarrers überrascht: Bereits in der zweiten Jahreshälfte 1646 beschreibt er rückblickend, wie es zur Aufstellung einer neuen Orgel kam. Er bindet seine Erinnerungen in den zeitgeschichtlichen Rahmen ein, so dass eine vollständige Wiedergabe des Textes [2, S.10] sicher interessant für uns Nachgeborene ist:
„Nachrichtung, wie hiesige Kirchfahrt und Gemeinde zur Orgel gelanget, auch was in einem und dem andern dabei vorgangen, richtig verzeichnet."
Demnach das Städtlein Tharandt von Anno 1555 von Jahren zu Jahren durch Gottes gnädigen Beistand wie an der Mannschaft, Jugend und Volk gewachsen, also auch in der Kirchen und Gottesdienst ziemlich in aufnehmen gelanget. Und weil hiesiger Ort eine ganz neu erbaute Kirch, wozu Churf. Durchl. ein Stück vom alten Schloß Tharandt gnädigst verehret, wie solchen in folgenden Kirchenbuch von Stück zu Stück samt denen darauf gewandten Unkosten, Müh und Arbeit mit mehrere Zubußen. Als hat sich eine Orgel zur Erweckung gottseliger Andachten darein zu zeigen auch wohl geschicket. Es hat sich aber eingefallen, höchst gefährlichen Kriegsunruhen, wie auch vielfaltigen Contributionen (Kriegsabgaben) darzu zu gelangen alles schwer und fast unmöglich sein sollen. Doch hat der grundgütige Gott allerhand Mittel an die Hand gegeben.
Erstlich ist hiesigem Ort von Johann Zieglern, einem Musikanten von Dresden ein Positiv angeboten worden. Welches der ganzen Kirchfahrt öffentlich, nach gehaltener Predigt angemeldet worden mit sonderlicher treuherziger christlicher Erinnerung, daß ein jeder Gott dem Allmächtigen zu Ehren und Bezeigung seines Christentums dazu mit einer Gabe wolle hilfreich erscheinen. Worauf Dom. 8 p.Tr. 1645 (am 8. Sonntag nach Trinitatis) nach dem Gottesdienst ein Becken in der Kirchhalle aufgesetzet, das Volk ferner zu einem christlichen Almosen jeder groß und klein, reich und arm nach seinem Vermögen etwas einzulegen freundlich ermahnet worden. Da sich denn befunden 10 Taler 18 Groschen und aus dem Gotteskasten 30 Groschen darzu getan, daß es 12 Taler ausgetragen, welches gleich die Hälfte, denn das Positiv besag des Handels aufgerichten Zettels um und für 24 Taler erkaufet. Folgendes ist noch eine Vermahnung zur Hand genommen, bei davon Einlag gar ein weniges einbracht, doch
haben auswärts etliche fromme Christen etwas hergegeben, daß es bis auf 5 Taler bezahlet worden.
Es hat aber Gott der Allmächtige unsern Conatus (Versuch) und christliches Velle (Wollen) zu einem gewünschten Perficere (Vollendung) kommen lassen. Indem ehe noch eine Jahresfrist abgelaufen, wir ein ganz neues Orgelwerk anno 1646 am heiligen Pfingstfest in der Kirchen verfertigt gehabt. Habe auch vor meine wenige Person, so viel mir möglich, allen Fleiß in Schreiben, Bitten, Betteln Vorschub zu tun und was etwa nötig gewesen, bis es durch göttlichen Beistand zum stand gebracht. Der fromme treue Gott gebe seinen Segen ferner um Christi willen Amen. Adam Schneider, p. l."
Wie sah dieses mit „Fleiß in Schreiben, Bitten, Betteln Vorschub tun" im einzelnen aus, damit am Ende eine neue Orgel für 159 Taler gekauft werden konnte? Die Akten berichten, dass der Pfarrer die 24 Taler für das Positiv von Orgelbauer Johann Ziegler aus eigener Tasche bezahlte. Seine Bitte an den Kurfürsten (der sich sicher vieler angenehmer Stunden der Jagd im „Grüllenburger Forst" und an die Lieblingsburg seiner Vorfahren erinnerte), war ebenfalls erfolgreich: „100 Taler haben Churf. Durchl. zu. uff bestehenes untertänigstes suplicium (Vorhaben) unsrer Kirche Gnädigst verordnet, die Martin Melzer durch das Amt allhier gegen der Kirchväter Quittung erleget" [3, S. 30]. Studiert man die Akten genauer, dann war dieser Martin Melzer ein wegen Ehebruchs Landflüchtiger. Für ihn reicht die Gemeinde ein Gnadengesuch ein und der Landesvater wandelt die „Verbannung" aus Sachsen in 100 Taler Geldstrafe um (das sind schätzungsweise zwei Jahresverdienste eines Gesellen!), zweckgebunden für die
Orgel. So hilft die Gemeinde, indem sie sich nützt. Deshalb wurde damals unter den Leuten diese erste Orgel auch als „Straforgel" bezeichnet. (Man stelle sich heutzutage eine solche Rechtsprechung vor: Unser Land hätte keine Sorge mehr um die nötigen Mittel für Kultur und Kunst zu haben.)
Das übrige Geld wurde zum Teil durch freiwillige Gaben aufgebracht. Interessant ist, dass Pfarrer Schneider in seiner „Aktennotiz" ausgerechnet am 8. Sonntag nach Trinitatis zur Geldspende aufruft. Vielleicht steht dieser Tag im Zusammenhang mit dem 100. Jahrestag des Augsburgischen Religionsfriedens vom 25.9.1555 (Toleranzedikt zwischen Katholiken und Protestanten) oder mit den in Kötzschenbroda laufenden Gesprächen zum Separatfrieden zwischen Schweden und Sachsen?
Die in den Akten aufbewahrte Spendenliste weist 180 Tharandter Familienoberhäupter aus. Die Spendenfreude war so groß, dass aus der Gemeindekasse nur noch 5 Taler, 12 Groschen beizusteuern waren, um die neue Orgel, einschließlich des Positivs, bauen lassen zu können.
Wie groß muss die Friedenserwartung und damit verbunden die neue Lebenszuversicht der damaligen Spender gewesen sein?!
Rasch wurde ein Kontrakt über den Orgelneubau mit dem Hoforgelmacher Tobias Weller aus Dresden am Palmsonntag 1646 unterzeichnet. Danach kostete die Orgel insgesamt 159 Taler, 1 Groschen (einschließlich Trankgeld, Kostgeld, Orgelprüfung und weißem Orgelanstrich). Die Orgel wurde dem Altar gegenüber, an der Westseite in Höhe der jetzigen 1. Empore errichtet.
Kantor Sickert charakterisiert im Jahre 1932 rückblickend die schlichte Orgel wie folgt: „Die Disposition weist nur zwei schwache Grundstimmen auf, ein Grobgedakt 8-Fuß-Ton, die längste Pfeife 2 Ellen 1 Viertel, und eine Quindatena, sonst nur 4-Fuß=, 2-Fuß= und noch kleinere, auch ein halbes Register, nämlich: ein Prinzipal von gutem Zinn, die größte Pfeife 3 Ellen lang ins Gesicht (Prospekt) von 4-Fuß-Ton, eine Oktave 2-Fuß-Ton, eine Hohlflöte von 2-Fuß-Ton, eine scharfe Quinte von 1,5 Ton, eine Schwiegelflöte 1-Fuß-Ton, ein Cymbal einfach, eine halbe Oktave 1-Fuß-Ton „den Choral auf dem Diskant damit zu führen"; im ganzen zwar 13 Register, aber z. T. die alten Spielereien Tremulant, Vogelgesang, Cymbelstern und Trommel. Die unterste Oktave war eine kurze ohne dis, fis und gis, ohne cis wurde sie damals ohnehin allgemein (auch von Silbermann und auch noch in der Orgel von 1806) gebaut" [3, S. 31].
Ein spielbares Pedal fehlt.
Warum die Tharandter Gemeinde so rasch ihre Orgelbaupläne verwirklichen wollte, wird dann deutlich, wenn man den Orgelneubau in sein historisches Umfeld einordnet: Am 27. August 1645 wurde im „Frieden zu Kötzschenbroda" zwischen Sachsen und Schweden ein separater Friedensvertrag ausgehandelt, der dem Westfälischen Frieden von 1648 vorausging und zumindest in Sachsen den jahrzehntelangen, fürchterlichen, bis zur völligen Erschöpfung aller Kriegsparteien führenden Krieg beendete. Wie groß muss die Freude der Menschen damals gewesen sein, endlich nicht mehr um ihr nacktes Überleben fürchten zu müssen! Und von dem wenigen was sie hatten, spendeten sie für „ihre" erste Orgel ...
Im April 1745 findet der Tischlermeister Johann Christian Rülcker bei der Reinigung der seit 99 Jahren nicht gepflegten 337 Orgelpfeifen am Register Quintadena die Inschrift des Orgelbauers Tobias Weller: „Gefertigt im Jahre 1646 durch Tobial Weller, Hoforgelmacher, Dresden, den 25. Mai."
Der gesamte Orgelneubau hinterließ in den Akten 26 vorder- und rückseitig teilweise eng beschriebene Blätter aus Pergament. Erinnern wir uns ruhig ab und zu an unsere Altvorderen, wenn wir in unserer verbürokratisierten Welt glauben, dass von allem und über alles ein Aktenordner mit schnell gedruckten Seiten angelegt werden müsse. Wie werden einst unsere Nachfahren bei solchen Bergen von papiernen Hinterlassenschaften Wichtiges von Unwichtigem aus unserer Zeit trennen können?
Der beschwerliche Weg zur zweiten Orgel
In den folgenden Jahrzehnten verlautet nichts aus den Kirchenakten zur Orgel. Die Menschen hatten sicher wieder schwere Nöte. Der Nordische Krieg (1700 bis 1719), in dem sich August der Starke – leider recht unglücklich und ungeschickt – zu profilieren suchte, stürzte die Sachsen ins Elend. Erst nachdem sich die Lebensverhältnisse wieder gebessert hatten, rückte auch die Orgel wieder stärker ins Bewusstsein der Tharandter Bürger.
Zunehmend scheint es Probleme mit der Spielbarkeit des Instrumentes und vor allem mit den veränderten Klangauffassungen der Menschen zwischen Barock und Klassizismus gegeben zu haben. Deshalb wurde am 4. Juni 1735 der Orgelmechaniker Johann Ernst Hähnel aus Meißen gebeten, einen „unmaßgeblichen" Kostenvoranschlag über Verbesserungen an der Orgel vorzulegen. Unter anderem sollte erstmals ein Pedal mit Bassregistern (16-Fuß, Subbass, Posaune und Traversflöte 8- Fuß) eingebaut werden [2. S. 30-33]. Die Aufwändungen von 260 bis 375 Taler konnten aber nicht aufgebracht werden, zumal das schadhafte Kirchendach Vorrang in der Reparatur hatte.
Die folgenden Akten könnten aus unseren Tagen stammen. Dem Ansinnen der Tharandter Kirchgemeinde vom 28. Februar 1735, ihre Orgel grundhaft zu sanieren, entgegnet der Dresdner Superindendent Dr. Göpfert unmissverständlich: „Ich kann die Vorschläge nicht eher unterschreiben, biß umständl. gemeldet wird woher die Kosten zu der Orgel und dem Kirchendach kommen sollen" [2, S. 27-29].
Der Umbau unterblieb. Erst 10 Jahre später, am 14. April 1745, wird für aufzeichnenswert gehalten, dass die Pfeifen nach 100 Jahren erstmalig für 4 Taler gereinigt wurden und die „...Bälgertritte aus dem Beichtstuhl an einen andern dazu bequemeren Ort ..." verlegt wurden [3, S. 34].
Wie stark der Zustand einer Orgel mit den politischen Ereignissen der Zeit zu tun haben kann, zeigt sich an der erneuten „Funkstille" in den Akten. Dabei war aber eigentlich schon 1745 klar, dass etwas mit der Orgel zu passieren habe. Diesmal war es Friedrich II. von Preußen, der sich in einem 7jährigen Krieg (1756 – 1763) in wechselnden Bündnissen mit Russland, Österreich, England- Hannover und Sachsen blutige Schlachten lieferte; es ging um ein neues Gleichgewicht der politischen Kräfte in Europa und um den Besitz Schlesiens. Zu allem Schrecken besiegten die Preußen in der Schlacht bei Kesselsdorf am 15. Dezember 1763 die Sachsen. 14.000 Tote mussten begraben werden. Für 3 Groschen Tageslohn wurden auch Tharandter Einwohner zu Totengräberdiensten verpflichtet [4]. Kein Wunder also, dass es in dieser Zeit wieder einmal wichtigeres gab, als über den desolaten Zustand einer Orgel zu berichten.
Erst 1782 und 1787 finden sich wieder kürzere Notizen in den Akten, die vermuten lassen, dass es mit der Orgel nicht gerade zum Besten stehe. 1788 wird erstmals ein Spendenaufkommen von 28 Talern und 14 Groschen für eine neue Orgel genannt [2, S. 33.4].
Sachsen hatte nach dem 7jährigen Krieg eine längere Friedensperiode. Die Französische Revolution (1789-1795) reichte mit ihren „aufrührerischen" Auswirkungen sicher nicht bis zu den Tharandter Bürgern. Und Napoleon Bonaparte hatte gerade einmal die Rheinbundstaaten unter seine Vorherrschaft gebracht und die Preußen am 14. Oktober 1806 im „fernen" Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen. Die Befreiungskriege zwischen 1812 und 1813 lagen für die Sachsen noch weit. Genau gegen Ende dieser vierzigjährigen Friedensperiode versammelten sich am 17. Juli 1803 127 Gemeindeglieder. Sie fassten einen Beschluss zur weiteren Förderung der Orgelkasse, eine „Orgelsteuer" also, und unterschrieben allesamt eigenhändig. In neun Punkten wurde genau aufgelistet, wer wie viel zu steuern habe [2, S. 35 ff]:
"jeder, der von nun an das Tharandter Bürgerrecht erlanget 4 Groschen
von jedem aufgenommenen Lehrling 1 Groschen
von jedem losgesprochenen Gesellen 2 Groschen
von jedem, der zum Meister gesprochen wird 4 Groschen
Handwerksgenossen, die sich zu auswärtigen Innungen halten 4 Groschen
jeder Auswärtige, der in Tharandt ein Haus oder irgend ein anderes Grundstück erkauft, zahlt von jedem Hundert der Kaufsumme 4 Groschen
bey Hochzeiten, Kindstaufen und Trauermahlzeiten wie bisher
in allen Nachmittagspredigten an Hohen Festtagen wird von nun an ein Klingelbeutel zum Besten der Orgelkasse herumgetragen"
Nur gut, dass dieser Beschluss ... mit der getilgten Orgelschuld auf(hört) ...". Andernfalls hätten die Tharandter bis heute noch für kirchliche Zwecke zu zahlen, statt für einfallsreiche Kommunalabgaben aufzukommen.
Angesichts dieses von Gemeinsinn getragenen Beschlusses der Tharandter Bürger ist es sehr wahrscheinlich, dass Pastor Voigt, mittlerweile vier Jahre Tharandts Seelenhirte, seinen Gedichtband von „Tarants schöne(r) Natur, in geselligen Liedern gefeiert" [1] unter die Leute brachte. Er muss das Lebensgefühl der Menschen damals gut getroffen haben, denn sein Büchlein für 20 Kreuzer verbreitete sich in Sachsen und hat sicher mit geholfen, die Orgelkasse zu füllen. Lassen wir seinen Gefühlsüberschwang am Beispiel eines Gedichtes auf uns wirken:
Beym Eintritt in Tarants Thäler |
Willkommen, ihr lieblichen Höhen,
ihr Thäler voll seliger Lust, ihr reizenden Schattengefilde – Willkommen der fühlenden Brust!
Süß winkt ihr nach lastender Mühe dem Wandrer, der zu euch entflieht. Er freut sich der herrlichen Erde,
und träumt sich in Edens Gebiet. Wie glänzt so buntfarbig die Aue! Wie grünt so lebendig der Hain!
Wie tanzen die silbernen Wellen durch Blumen so heiter und rein! Dort hebt sich die graue Ruine
aus grüner Umschattung hervor: So gattet die biedere Treue sich gern mit der Fröhlichen Chor
|
Hier thront nicht in schauriger Größe, nicht furchtbar und wild die Natur.
Hier spendet sie freundlich nur Segen; Mild ist sie und liebevoll nur. Schön ist sie, die Schöpfung, doch schöner
fürwahr! Ist sie nirgends, als hier. O Wohnsitz elysischer Freuden! Dir feiern, dir huldigen wir.
Wir winden Vergissmeinnichtkränze, auf deinen Gefilden gepflückt, Wir weihn sie der Freundschaft und Liebe,
von reiner Umarmung entzückt. Auf ewig sey Trübsinn und Plage aus deinem Gebiete verbannt! Beglück´ uns, die feurig dir fühlen, noch lange, geliebtes Tarant! |
Der Enthusiasmus in der Gemeinde war so groß, dass man bereits im Januar 1805 vom Orgelbauer Johann Christian Kayser sen. aus Dresden einen Kostenvoranschlag erbat, obwohl die Kaufsumme für die Orgel noch nicht beisammen war. Kayser war der Sohn des Silbermannschülers Andreas Kayser, der die Orgelbauanstalt 1750 gegründet hatte.
Am 25. Januar 1805 wurde der „Contrakt" abgeschlossen. Zum Abschluss der Verhandlungen erhielt Kayser 100 Taler auf die Hand. Nach Kirchenrechnung erhielt er am 26. Mai 1805 weitere 50 Taler, am 6., 13. und 17. Juni je 10 Taler und am 5. Aug. zur Erfüllung 470 Taler; endlich als „Douceur" (Entschädigung) für Mehrleistung über den Vertrag hinaus noch 50 Taler. Dazu kamen 12 Taler „gratial" (Trinkgeld) den beiden Orgelbaugesellen zugute [3,S. 35].
Während die Orgel in der Kirche auf dem Berg schon Gestalt annahm, berichteten am 30. Juni 1806 Superintendent Dr. Titmann und Kreisamtmann Meißner dem Consistorium: „Schon seit mehreren Jahren hat die Kirchgemeinde zu Tharandt den notwendigen Entschluß gefaßt, das sehr schwache und kaum mehr brauchbare Orgelpositiv in der dasigen Kirche mit einer dem Umfange des Gebäudes und der Stärke der Gemeinde angemessenen neuen Orgel zu vertauschen. Gehemmt durch ihre eigene unvermögende Lage, mußten mehrere Hilfsquellen aufgesucht werden, aus welchen der mit dieser neuen Einrichtung verbundene sehr beträchtliche und nachdem beiliegende Anschlage des Orgelbauers Kayser eine Summe von 900 Thalern betragende Kostenaufwand bestritten werden konnte" [3, S. 34].
Aufgrund dieses Berichtes wurde seitens der Kirchenleitung der Orgelbau am 23. Juli 1806 offiziell genehmigt. – Hatten die Kirchväter Anno 1646 das Heft des Handelns noch selbst in der Hand, so treibt 150 Jahre später die Bürokratie ihre Blüten: Instanzen erlauben, was an der „Basis" schon längst Gestalt angenommen hat. Wir Heutigen wissen, dass die Bürokratie das öffentliche Leben inzwischen noch mehr durchdrungen hat. (Womöglich hätte heute ein ungenehmigter Orgelbau wieder beseitigt und gemäß geltendem Verwaltungsrecht neu begonnen werden müssen.)
Doch zurück zum Bauplatz: Kaysers Orgel wurde - im Unterschied zur ersten Orgel - an der Ostseite über dem Altar platziert. Sie hatte 15 Register (klingende Stimmen). Diesmal reichte das Geld endlich auch für ein Pedal (Bässe mit 8- und 16- Fuß- Pfeifen). Allerdings geht aus den Akten nicht hervor, welche Register im einzelnen eingebaut worden sind. Der besonders schöne 8 – Fuß – Prinzipal des Hauptwerkes wurde aber gelobt. Aus der ersten Orgel wurden keine Register übernommen.
Die neuen Register fanden hinter einem wunderschönen dreiteiligen, mit zwei Amphoren verzierten klassizistischen Orgelprospekt ihren Platz. Aus dem First strahlt symbolhaft eine aufgehende goldene Sonne. Der Orgelprospekt scheint getragen von den beiden unter ihm stehenden vergoldeten Säulen des Altars mit ionischem Kapitell. Das Mäandermuster im Portikus des Altars setzt sich über dem Orgelschrank fort. - Magister Voigt sagt bei der Einweihung der neuen Orgel, rückblickend auf das alte Instrument: „Das Gotteshaus hat eine wesentliche Zierde erhalten, mit welcher es vorher allzu dürftig versehen war."
Im Zusammenhang mit dem Orgelbau werden anerkennend Großopitzer Bauern genannt, die auf 5 Wagen unentgeltlich die Orgel von Dresden nach Tharandt gefahren haben. Die Großopitzer zeigten auf diese Weise ihre schon seit dem Jahre 1678 verbürgte Zuneigung zum Kirchspiel Tharandt. (Leider dauerte ihre Entlassung aus dem Kirchspiel Döhlen noch bis zum 1. Januar 1855). Mehr beiläufig wurde aber angemerkt, dass diese seltene Gelegenheit von den Fuhrleuten bauernschlau zum Feiern genutzt wurde: Für Wegzehrung verbrauchten sie 1 Taler, 12 Groschen und für eine abschließende Bewirtung wurden weitere 6 Taler, 10 Groschen verzecht, der Monatslohn eines Tagelöhners. Der Transport der alten Orgel nach Dresden war auch nicht unentgeltlich und kostete 1 Taler, 20 Groschen.
Während der Orgelvakanz wollte die Gemeinde natürlich nicht auf eine Orgelbegleitung im Gottesdienst verzichten. Mit einiger Überraschung lese ich, dass man sich zwischenzeitlich ein Orgelpositiv (wahrscheinlich vom Kantor, der damals in der der Klippermühle wohnte) aus der Klippermühle borgte.
Doch nun der Bericht vom Tag der Orgelweihe, den Kantor Sickert 1932 anhand von historischen Quellen wie folgt beschrieb:
„Die Weihe der neuen Orgel geschah am 3. August 1806 mit großer Feierlichkeit. „Um 8 Uhr zogen vom Schulhause sämtliche Schulkinder mit dem Morgengesange „Dir sei Preis, ich lebe wieder" paarweise bis vor die Pfarrerwohnung hinunter, holten die daselbst versammelten Honoratioren, als den Herrn Kreisamtmann Meißner aus Freiberg, den Herrn Pastor Voigt, Bürgermeister und Rathspersonen daselbst ab." An diese schlossen sich die übrigen daselbst versammelten Bürger mit an, und nun ging der Zug unter Anstimmung des Liedes „Nun danket all und bringet Ehr" mit Musikbegleitung und unter dem Geläut der Glocken über den Marktplatz hinter der Schule hinauf in die Kirche hinein. „Beim Eintritt in die mit Blumen bestreute Kirche, welche die Menge von Einheimischen und Fremden kaum fassen konnte, empfing die Einziehenden Trompeten- und Paukenschall, und unmittelbar darauf erfolgte ein Orgelsolo, das mit erhabener Kraft begann, sodann in sanfte Abwechslungen überging und mit voller Stärke wieder schloß. Der Pfarrer hatte sich mittlerweile vor das Altar begeben; die Jugend hatte einen gedrängten Halbkreis um dasselbe geschlossen, hinter welchem die Gemeindevorsteher sich gestellt hatten, und sowie das Alleinspiel der Orgel verhallt war, hielt der Prediger die (nachfolgende) Weiherede, auf welche unmittelbar mit Pauken- und Trompetenschall und voller Orgelbegleitung das Lied einfiel: „Nun danket alle Gott". – Die heilige Rührung der Versammelten drückte sich unverkennbar in tausend stillen Tränen aus." (M. Chr. Tr. Voigt „Altarrede und Predigt bei der Einweihung einer neuen Orgel", Dresden 1806). Nach geendigtem Gottesdienste ging der Zug in der nämlichen Ordnung wieder zurück.
Die Instrumentalmusiker und die Bauvorsteher sowie auch die Fuhrleute, welche den Herrn Orgelbauer Kayser mit seinen Werkzeugen nach Dresden gefahren, wurden für 17 Taler 4 Groschen bewirtet, desgleichen diejenigen, welche die Orgel vom Markte bis in die Kirche schafften. Mit einem Frühstück für 1 Taler 5 Groschen." [3, S. 35]
Diese „heilige Rührung der Versammelten" während der Einweihungsfeierlichkeiten kann jeder nachfühlen, der diese Geschichte bis hierher gelesen. Eine Gemeinde hat 80 Jahre nach einer neuen Orgel für ihre Gottesdienste verlangt. Und nun hat sie sich diesen Wunsch aus eigener Kraft erfüllt. Wer wollte da nicht glücklich sein!
Die neue Orgel in Gefahr
Auf den Tag genau ein Jahr nach der festlichen Weihe der neuen Orgel „... brach am 3. August 1807 nachmittags in der 2. Stunde in der Stadtbrauerei Schlicke neben dem Rathause Feuer aus, das sieben Häuser vernichtete. Vermutlich durch auffliegenden Talg der nahe liegenden Seifensiederei geriet die Kuppel des Kirchturmes in Brand. Der obere Teil des Turmes stürzte in Flammen herab, die Turmuhr wurde gänzlich zerstört, alle 3 Glocken schmolzen und der schöne Turm, der erst vor kurzem erneuert worden war, stand gleich dem Schlosse als Ruine da" [3, S. 13]. Zum Glück hatte man im Jahre vorher im Zusammenhang mit Baumaßnahmen auch einen Eingang an der Ostseite der Kirche geschaffen, durch den die Löscharbeiten bewerkstelligt werden konnten, so dass das Gotteshaus selbst vor dem Feuer verschont blieb. Aus Angst, die neue Orgel durch die Flammen zu verlieren, begann man dieselbe eilig abzutragen. Wir haben genug Fantasie uns vorzustellen, wie diese Rettungsmaßnahmen der neuen Orgel zugesetzt haben mögen.
In einer Bittschrift schildern die Tharandter Bürger König Friedrich August ihr Unglück. Als guter Landesvater bewilligte er umgehend und unentgeltlich am 9. Dezember 1807 das erforderliche Bauholz aus der Grillenburger Amtswaldung. Am 23. April 1808 folgte eine „Gnadenbeihilfe" von 300 Talern.
139 Einwohner gründeten einen Ausschuss und sammelten wieder Spenden. Allen voran Pastor Voigt mit 5 und Kantor Unger mit 3 Talern. Bemerkenswert ist auch hier wieder, dass 28 Großopitzer Bauern, u. a. Winkler, Roitzsch und Dittrich, als Ausdruck ihrer Verbundenheit zu Tharandt das Spendensäckel mit füllten. Speziell das Kapital zur Orgelrestaurierung entlieh man aus dem Böhmeschen und dem Schubertschen Legat. [2, S.44-54].
Die wiederhergestellte Orgel wurde am 9. Oktober 1808, zusammen mit den 3 neuen Glocken festlich eingeweiht. Von nun ab erhielt der Calcant für das Treten der Blasebälge an der neuen Orgel 3 Taler, 14 Groschen pro Jahr. Damals hielt sich die Inflation des Geldes noch in Grenzen. Bis zum Jahre 1873 kletterte das Entgelt auf nur 15 Taler.
Nachdem die alten Unterlagen zu uns gesprochen, haben wir allen Grund, im Jahre 2006 des 360. Jahrestages der ersten und des 200. Jahrestages der zweiten Orgelweihe zu gedenken.
Was ist aber nun von diesen Orgeln bis auf den heutigen Tag auf uns überkommen? Dies erfährt der Leser, wenn er die Broschüre „Die Tharandter Kirche ´Zum Heiligen Kreuz` und ihre Orgeln" zur Hand nimmt. Diese Broschüre ist im Pfarramt, Roßmäßlerstr. 40, in der Buchhandlung „Findus", während der „Offenen Kirche" in den Sommermonaten sonnabends und sonntags von 14 -16.00 Uhr oder nach den Gottesdiensten gegen eine Spende erhältlich, die zur Finanzierung des „Tharandter Orgelsommers" verwendet wird.
Quellen:
[1] Voigt, C. F. T. (ca. 1804): Tarants schöne Natur in geselligen Liedern gefeiert. Dresden, gedruckt bey Carl Gottlob Gärtner [2] Locat II. Littera K. 29", Tharandter Kirchenarchiv [3] Sickert, E. (1933): Kirche und Schule in Tharandt. Tharandter Kirchenarchiv [4] Kirsten, W. (1987): Die Schlacht bei Kesselsdorf. Aufbau-Verl. 2. Aufl.

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